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29.6.1946: Sachsen vor dem Volksentscheid
Der Volksentscheid war sorgfältig vorbereitet worden, allein im Raum Dresden hatten mehr als 3.000 Kundgebungen und Versammlungen stattgefunden. Dann endlich war es soweit, von früh an bildeten sich lange Schlagen vor den Wahllokalen. Ein Reporter des Mitteldeutschen Rundfunks meldet sich zum ersten Mal am Vormittag aus einem Leipziger Wahllokal: "Liebe Hörer, Leipzig steht heute am 30. Juni völlig im Zeichen des Volksentscheids. In der Innenstadt, die wie das Zentrum jeder Großstadt sonst an Sonntagen wenig belebt ist, herrscht seit den frühesten Morgenstunden reger Verkehr. Es ist das Bild eines großen Tages und eines geschichtlich bedeutungsvollen Vorgangs."

Die Wahlbeteiligung war ungewöhnlich hoch, sie betrug 93 Prozent. Nicht ohne Grund hatte man den Volksentscheid im roten Sachsen durchgeführt: Hier befanden sich 40 Prozent aller Industriebetriebe der sowjetischen Besatzungszone, hier hatte die erst vor zwei Monaten gegründete Sozialistische Einheitspartei den stärksten Landesverband und damit den stärksten Einfluss.

Das Votum fiel klar und deutlich aus: 77,6 Prozent stimmten für die Enteignung, 16,6 Prozent dagegen. Die Forderung nach Enteignung der Kriegsverbrecher geht in ihren Ursprüngen allerdings nicht auf die SED, sondern auf die Alliierten zurück: "Alle Mitglieder der nationalsozialistischen Partei, welche mehr als nominell an ihrer Tätigkeit teilgenommen haben, sind aus den öffentlichen oder halböffentlichen Ämtern und von den verantwortlichen Posten in den wichtigen Privatunternehmen zu entfernen", heißt es bereits im Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945.

Enteignungswelle

Mit dem Volksentscheid beginnt eine groß angelegte Enteignungswelle, und zwar nicht nur in Sachsen, sondern in allen Ländern der sowjetischen Besatzungszone, dort allerdings ohne Volksbefragung.

Über die Art und Weise des Vorgehens sagt Fritz Selbmann, der damalige Wirtschaftsminister Sachsens, später auf einer internen Besprechung der SED: "Wir haben, ich sage es ganz offen, den Kampf um die Enteignung geführt mit Mitteln und Methoden, wie wir sie vielleicht nach der ersten demokratischen Landtagswahl in Sachsen nicht mehr anwenden können: mit Mitteln der Beobachtung, mit Mitteln der Polizei, mit Mitteln der Verhaftung. Das war ein sehr unterirdischer Kampf."

Viele der Unternehmer setzten sich nach massiven Drohungen in die Westzonen ab, viele landeten in den Lagern und Gulags. Dabei waren keineswegs alle tatsächlich Kriegsverbrecher. Häufig wurde vom Alibi-Vorwurf der sogenannten Duldung faschistischer Umtriebe Gebrauch gemacht; er war zwar schwer zu beweisen, aber genauso schwer zu widerlegen.

Kader an die Schaltstellen

So wie Ferdinand Friedensburg erging es vielen, die nicht in der SED waren. Er wurde im September 1946 als Präsident der Zentralverwaltung der Brennstoffindustrie der sowjetischen Besatzungszone abberufen. In einem Brief wandte er sich an Marschall Sokolowski: "Ihnen, Herr Marschall, ist doch wohl bekannt, dass ich seit 25 Jahren als aktiver kämpferischer Demokrat im öffentlichen Leben stehe, dass ich unter Hitler des Amts enthoben, eingesperrt und ununterbrochen verfolgt worden bin. Unter diesen Umständen kann man mir nicht zumuten, dass ich den Vorwurf, ich hätte faschistische Umtriebe geduldet, ohne schärfsten Widerspruch hinnehme."

Die SED verfolgte mit der breiten Enteignungswelle eine doppelte Strategie: Zum einen ging es tatsächlich um die Entmachtung all jener, die wie etwa die Deutsche Bank oder die IG Farben das Hitlerregime ermöglicht und unterstützt hatten, die von den Arbeitssklaven in den Konzentrationslagern, ja noch von den Ermordeten schamlos profitiert hatten.

Zum anderen aber nutzte die SED die Gelegenheit, um ihre eigenen Kader an den Schaltstellen der Gesellschaft zu platzieren: 1948 waren in der sowjetischen Besatzungszone mehr als 9.000 Betriebe in Volkseigentum überführt worden, damit befanden sich 60 Prozent der Industrieproduktion unter staatlicher Kontrolle.

"Das Volk entschied"

Davon jedoch war am 30. Juni 1946 noch nicht die Rede. Ahnungslos und voller Optimismus meldet sich der Reporter des Mitteldeutschen Rundfunks am Abend zum zweiten Mal aus dem Leipziger Wahllokal: "Der Inhalt der Wahlurne wird auf den Tisch geschüttet, die Urne ist leer, es beginnt nun die Zählung der noch gefalteten Stimmzettel. Bitte lassen Sie sich nicht stören, wir wollen der Sache nur beiwohnen. Immer weiter, liebe Hörer, geht das Auszählen der Stimmen. Und wie entschied das Volk? Ja, ja, ja, nein, ja, ja. Das Volk entschied: Gegen die Krieghetzer!"


Autorin: Kerstin Schmidt
   
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