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30.12.1993: Abkommen zwischen Israel und dem Vatikan
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Über die Jahrhunderte hinweg gab es Spannungen zwischen Juden und Christen. Nach der Gründung Israels 1948, fiel es vor allem der katholischen Kirche schwer, sich mit dem neuen jüdischen Staat zu arrangieren. Einen Neuanfang wagten beide Seiten als Israel und der Heilige Stuhl ein Grundsatzabkommen unterzeichneten.

Thomas Brechenmacher, Prof. für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam und Autor des Buches "Der Vatikan und die Juden" sagte über das Vertragswerk: "Das wesentliche und konkrete Ergebnis dieses Vertrages von 1993 ist Folgendes gewesen: Die beiden Staaten Israel und der Heilige Stuhl erkennen sich gegenseitig an. Eine offizielle Anerkenntnis Israels, was für Israel ganz wichtig war. Sie nehmen gegenseitig diplomatische Beziehungen auf. Im Grunde ist seit 1993 ein bis dahin sehr spannungsreiches Verhältnis entschärft worden, wenn es natürlich auch immer atmosphärische Störungen gibt."

Neue Fakten im Heiligen Land

Mit der Gründung des Staates Israel 1948 wurden neue Fakten im Heiligen Land geschaffen, das für Muslime, Christen und Juden gleichermaßen bedeutsam ist. Der Vatikan stand bereits der Besiedlung des heiligen Landes durch die zionistische Bewegung seit Ende des 19. Jahrhunderts skeptisch gegenüber.

An eine Anerkennung des Staates Israel war noch in den 1950er-Jahren nicht zu denken. Mordechay Lewy, Botschafter Israels beim Heiligen Stuhl in Rom sagte zu den theologischen Gründen für das problematische Verhältnis: "Die theologische Komponente ist sehr schwerwiegend. Sie ist 2000 Jahre alt, vor allem in dem Maße, dass die Kirche sich selbst als Fortsetzung des Bundes mit Gott angesehen hat. Das bedeutet, dass auch die Verbindung zum Heiligen Land für das jüdische Volk obsolet geworden ist und das die Diaspora und die Exilierung des jüdischen Volkes als eine Strafe angesehen worden ist, da sie ja den neuen Messias nicht anerkannt haben."

Katholisch-jüdischer Dialog

Erst das Zweite Vatikanische Konzil 1965 gibt den entscheidenden Anstoß für die Einleitung eines katholisch-jüdischen Dialogs. In der Erklärung "Nostre Aetate" wird erstmals anerkennend von den Juden gesprochen. Man betont die geistige Verwandtschaft und beklagt die an den Juden verübten Verbrechen. Der 1978 gewählte Papst Johannes Paul II. geht weitere wichtige Schritte. Er besucht das Konzentrationslager Auschwitz und kniet nieder, um für das jüdische Volk zu beten. 1984 nimmt er als erster Papst in der Synagoge von Rom an einem jüdischen Gottesdienst teil. Er bezeichnet bei dieser Gelegenheit die Juden als Lieblingsbrüder und ältere Brüder der Katholiken.

Im selben Jahr anerkennt die katholische Kirche das Existenzrecht Israels und Palästinas. Die Voraussetzungen für den Grundsatzvertrag zwischen Israel und dem Heiligen Stuhl sind damit erfüllt, dazu Lewy: "Das Vertragswerk verbürgt dem Vatikan eine Vorreiterrolle bei allen katholischen Institutionen in Israel. Und mit Einsetzung eines Nuntius, einer Botschaft, kann er seinen Schirm über alle Institutionen ausbreiten und damit bekommt er auch im israelischen Staat einen Status und eine verbürgte Adresse, so dass also der Vatikan den Vorteil hat - im Gegensatz zu allen anderen Kirchen -, dass er sowohl auf theologischer Ebene wie auch vor allem auf der diplomatischen Ebene, seine Interessen gegenüber dem Staat Israel vertreten kann."

Gute Beziehungen mit Irritationen

Seit der Unterzeichnung des Vertrags haben sich die Beziehungen beider Staaten stetig verbessert. Trotzdem kommt es immer wieder zu Irritationen. Beispielsweise als Papst Benedikt XVI. die Exkommunizierung eines Holocaust-Leugners aufhebt und ihn erst zwei Wochen später auffordert, sich öffentlich von seinen Aussagen zu distanzieren. Oder als israelische Regierungsbeamte katholischen Geistlichen die Einreise in von Israel besetzte Gebiete verweigern. Die größte Errungenschaft für das Verhältnis zwischen Israel und dem Heiligen Stuhl ist wohl, dass man gelernt hat, zwischen lösbaren und unlösbaren Konflikten zu trennen.

Prof. Thomas Brechenmacher benennt zwei Positionen, bei denen es zwischen Israel und dem Vatikan bislang keine Einigkeit gibt: "Das eine betrifft die Frage: Hat der Heilige Stuhl, also konkret Papst Pius XII., während der Zeit des Zweiten Weltkrieges gegenüber der nationalsozialistischen Judenverfolgung richtig gehandelt oder hat er falsch gehandelt? Und die andere Frage ist ein Thema, das etwas beiseite geschoben und immer wieder ausgeklammert wurde, denn ganz theoretisch verfolgt der Heilige Stuhl immer noch seine Vorstellung, dass das Zentrum der drei großen monotheistischen Religionen, nämlich Jerusalem, heute die Hauptstadt Israels, internationalisiert werden sollte. Das war eine Grundforderung seit 1945, das hat man heute zurückgestellt zu Gunsten einer jetzt normalisierten Anerkennung des Status quo."



Autor: Philipp Dietrich
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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