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8.12.1993: Verurteilung der Brandstifter von Mölln
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Der Brandanschlag in Mölln 1992 ist das erste rechtsradikale Verbrechen im wiedervereinigten Deutschland, das Todesopfer fordert. Der Schock ist groß. Denn nun ist klar: Rassismus ist in Deutschland kein Randphänomen, sondern ein gesellschaftliches Problem. Die Öffentlichkeit schaut deshalb gebannt auf das Oberlandesgericht Schleswig. Hier wird am 8. Dezember 1993 das Urteil über die beiden Brandstifter von Mölln verkündet.

Die Brandanschläge

Um 0:31 Uhr am 23. November 1992 klingelt in der Polizeiinspektion im schleswig-holsteinischen Mölln das Telefon. Der Anrufer meldet einen Brand in der Ratzeburger Straße und legt mit dem Hitlergruß auf. Eine halbe Stunde später geht auch bei der Freiwilligen Feuerwehr ein anonymer Anruf ein. Dieses Mal wird ein Brand in der Mühlenstraße 9 gemeldet. Wieder endet das Telefonat ohne weitere Angaben mit dem Hitlergruß.

Sonja Lahnstein, Gründerin und Geschäftsführerin von step21 - Initiative für Toleranz und Verantwortung über das Ausmaß: "Die Bewohner des ersten Hauses konnten sich noch retten. Im zweiten hatten diese beiden hinterher als nachweislich rechtsextrem identifizierten Täter mit ihren Brandsätzen zunächst die Eingangstür in Brand gesteckt und damit die Flucht praktisch unmöglich gemacht."

Einige Bewohner entkommen teilweise schwerverletzt. Für die 51-jährige Bahide Arslan und ihre beiden Enkelinnen Ayse Ylmaz und Yeliz Arslan kommt jede Hilfe zu spät. Die drei sterben in den Flammen.

Das Urteil

Die beiden Brandstifter werden nur wenige Tage später ermittelt. Es handelt sich um die Neonazis Lars Christiansen und Michael Peters. Beide gestehen zunächst ihre Tat, ziehen das Geständnis aber im Prozess zurück. das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" vom 13. Dezember 1993 berichtet: „In der Hauptverhandlung vor dem II. Strafsenat des Oberlandesgerichts Schleswig schrie Christiansen in den Gerichtssaal: "Ich würde nicht mehr leben, wenn ich mit der Tat zu tun hätte." Alles wollte er anbieten, sagte er ein andermal, "meinetwegen zehn Hypnotiseure", um seine Unschuld zu beweisen."

In der Untersuchungshaft versucht Christiansen sich das Leben zu nehmen. Bis zur Urteilsverkündung leugnen beide weiter ihre Tat. Doch die frühen Geständnisse haben sie überführt. Hier haben Peters und Christiansen Wissen preisgegeben, das nur die Täter haben können. Der Urteilsspruch lautet: Schuldig des dreifachen Mordes in Tateinheit mit versuchtem Mord in 39 Fällen und der besonders schweren Brandstiftung. Dazu Sonja Lahnstein: "Es gab eine lebenslange Haft für den Älteren, Michael Peters, der war 25 und es gab die Höchststrafe für den 19-jährigen Lars Christiansen, der noch als Jugendlicher galt: zehn Jahre."

Lichterketten gegen Rechts

Die durch die Brandanschläge von Mölln ausgelösten Diskussionen enden nicht mit der Urteilsverkündung. Denn die Täter waren keine wirklichen Außenseiter. Sie waren Mitglieder in ganz normalen Ortsvereinen. Man hat an der Theke ein Bier mit ihnen getrunken. Dadurch wird klar: der Rassismus ist auch in der Mitte der deutschen Gesellschaft zu Hause.

Lichterketten und Großdemonstrationen gegen Rechts werben für ein Deutschland, in dem ein friedliches Zusammenleben möglich ist. Sonja Lahnstein: "Es gab rechtsextreme Ausschreitungen schon vorher, aber Mölln war einfach eine Dimension, die Deutschland bis dahin nicht erlebt hatte. Hier hat man sich nicht gegen Flüchtlinge gewandt und man konnte es nicht mit einer irrationalen Angst wegen Überflutung Deutschlands mit Ausländern werten, sondern es waren Familien, die eigentlich seit vielen Jahren gut integriert waren und im Herzen von Westdeutschland."

Siebeneinhalb und 14 Jahre


Die Brandstifter sind inzwischen beide wieder auf freiem Fuß. Nach siebeneinhalb Jahren kommt Lars Christiansen aus dem Gefängnis frei. Michael Peters wird nach 14 Jahren aus der Haft entlassen. Die Familie der drei Ermordeten hat Mölln verlassen. Zum Andenken an die ermordete große Schwester, trägt die jüngste Tochter der Familie, die erst nach dem Brandanschlag geboren wurde, ihren Namen: Yeliz.



Autorin: Diana König
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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