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27.11.1969: Neues Bildungskonzept
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Als die Sowjetunion Ende der 1950er-Jahre mit Sputnik I den ersten Satelliten um die Erde schickt, löst das im Westen den sogenannten "Sputnikschock" aus. In den USA und Westeuropa befürchten viele, der Sowjetunion technisch bald hoffnungslos unterlegen zu sein. Um den Anschluss nicht zu verlieren, geben vor allem die USA große Summen für Wissenschaft und Bildung frei.

Deutschland zieht erst 1964 nach der Veröffentlichung der Studie "Die deutsche Bildungskatastrophe" von Georg Picht nach. Bildung wird in der Folge zum großen gesellschaftlichen Thema. Am 27. November 1969 vereinbart die Kultusministerkonferenz der Bundesrepublik die Einrichtung von Schulversuchen mit Gesamtschulen.

Prof. Manfred Bönsch, Autor des Buches: "Die Gesamtschule. Die Schule der Zukunft mit historischem Hintergrund", sagte über die Situation Ende der 1960er-Jahre: "Ausgangspunkt waren zwei berühmte Namen: Einmal Georg Picht, der Anfang der 1960er-Jahre von der Bildungskatastrophe in Deutschland gesprochen hatte. Im Anschluss an den "Sputnikschock" wurde fest gestellt, dass die Qualifikationen von nachwachsenden Generationen darnieder liege bei uns. Dann kam das andere große Stichwort von Ralf Dahrendorf, dem Soziologen: "Bildung ist Bürgerrecht", also Bildung darf nicht nur eine Sache von oberen Schichten sein, sondern muss für alle möglich sein."

Bildungspolitik

Das föderale System der Bundesrepublik legt die Bildungspolitik in die Hände der einzelnen Bundesländer. Auf neue Anforderungen zu reagieren, ist daher kompliziert und langwierig. Bereits Mitte der 1960er-Jahre wurde daher der "Deutsche Bildungsrat" gegründet, eine Kommission zur Bildungsplanung. Der Rat entwirft moderne Bedarfs- und Entwicklungspläne und bereitet mit seinem Gutachten "Begabung und Lernen" die Entwicklung der Gesamtschule wissenschaftlich vor.

Christian Füller, TAZ-Redakteur und Autor des Buches "Schlaue Kinder, schlechte Schulen" zur Idee der Gesamtschule: "Die Idee der Gesamtschule ist es, allen Kindern eine Chance zu geben, das heißt die Kinder nicht zu trennen, wie das in Deutschland der Fall ist, in drei verschiedene Schulformen und zwar im zarten Alter von zehn Jahren. Denn die Studien haben in den 1960ern gezeigt, dass wir eine immens hohe Zahl an Risikoschülern in den Hauptschulen produzieren, wo sogenannte negative Lernmilieus entstehen. 70 Prozent in den deutschen Hauptschulen der Schüler lesen nur auf Grundschulniveau, und das ist die Idee zu sagen: eine Industrienation wie Deutschland kann sich einfach nicht den eigenen Nachwuchs verbilden, in dem sie ganz früh auf verschiedene Schulformen verteilt."

Schulsysteme

Die Entscheidung zur Einführung der Gesamtschule wird zwar von allen Parteien mitgetragen, doch schnell wird deutlich, dass die CDU und die von ihr regierten Bundesländer kein Interesse an einer Konkurrenz zu den drei etablierten Schultypen haben. Prof. Manfred Bönsch dazu: "Einige Bundesländer richteten ja sehr viele Gesamtschulen ein, das waren damals Hessen, Berlin und Hamburg. In anderen Bundesländern stagnierte das aber von vornherein, da wo eher bildungspolitisch gesehen konservative Kräfte die Macht hatten also Bayern und Baden-Württemberg hatten von vornherein nur ganz wenige Versuchsschulen, führten in einer größeren Breite Gesamtschulen von vornherein nicht ein."

Die Bildungseuphorie der 1960er-Jahre ebbt Ende der 1970er-Jahre allmählich ab. 1982 wird die ursprüngliche Idee des gemeinsamen Lernens für alle in der Kultusministerkonferenz endgültig gekippt, wozu Christian Füller meint: "In der Kultusministerkonferenz hat man dann dafür gesorgt, dass es nie eine echte Gesamtschule gibt. Das heißt: Die Gesamtschule muss das nachspielen, was das gegliederte Schulsystem ist. Das heißt konkret: In der siebten Klasse in der Gesamtschule werden die Kinder in den Leistungsfächern, Hauptfächern, wie Englisch, Mathe, Deutsch nach Leistung getrennt. Deswegen kann man sagen, es gab nie eine echte Gesamtschule in Deutschland, sondern es gab immer nur eine KMK- oder Pseudogesamtschule."

PISA-Schock

Ende 2001 wird die deutsche Bildungspolitik erneut wachgerüttelt, diesmal durch den "PISA-Schock". Die Ergebnisse der PISA-Studie, einer international vergleichenden Studie über die Leistungsfähigkeit von Schülern, fallen für Deutschland ernüchternd aus. Die Leistungen der deutschen Schüler sind schlecht, die Unterschiede zwischen guten und schlechten Schulen riesig. Bei der Förderung von Kindern aus dem Arbeitermilieu sowie mit Migrationshintergrund versagt das deutsche Bildungssystem vollkommen. Als entscheidende Ursache für das Versagen wird wieder das dreigliedrige deutsche Schulsystem angeführt.

Doch diesmal muss es wirkliche Veränderungen geben, denn sollte der "PISA-Schock" nicht tief genug sitzen, wird es der demografische Wandel sein, der einer Schule für alle zum Durchbruch verhilft, glaubt zumindest Christian Füller: "Die neue Gesamtschule ist die Gemeinschaftsschule und die hat im Moment einen echten Boom, das heißt, man fängt heute wieder an bei der Frage von damals, 1969: Wie kann man eine gute Gesamtschule machen? Nur, dass man heute weiß, was damals verkehrt gelaufen ist und heute eben darüber nachdenkt, dass man diese Trennung der Schüler nicht mehr vornimmt und das man intelligente, neue Lernformen macht; das ist individuelles Lernen, da gibt es Lernlabore, Werkstätten, das heißt die Kinder werden nicht einfach schematisch in die Klassenzimmer aufgeteilt nach Leistung, sondern es werden andere Lernformen gemacht, wo sie dann zusammen bleiben und voneinander lernen und natürlich teilweise auch getrennt werden."



Autor: Philipp Dietrich
Redaktion: Stephanie A. Hiller
 
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