Kalenderblatt dw.com
 
30.9.2005: Der Karikaturenstreit
Audio
"Satire darf alles", sagt Kurt Tucholsky. Doch fällt auf, dass der Schriftsteller und Journalist religiöse Themen bei seinen Satiren stets aussparte. Wie berechtigt Tucholskys Vorsicht ist, zeigt sich im Herbst 2005, als zwölf Karikaturen über den Propheten Mohammed eine beispiellose Protestwelle in der muslimischen Welt auslösen. Sie werden am 30. September 2005 in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten veröffentlicht.

Illustrationen für ein Kinderbuch

Alles beginnt mit einem Kinderbuch, so Flemming Rose, Feuilleton-Chef der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten": "Mitte September 2005 schrieb ein dänischer Kinderbuchautor ein Buch über das Leben von Prophet Mohammed. Er wandte sich an die Öffentlichkeit und erklärte, er habe große Schwierigkeiten, einen Illustrator für sein Kinderbuch zu finden."

Der dänische Kinderbuchautor Kåre Bluitgen ist verzweifelt: Drei Künstler lehnen ab, Mohammed für sein Kinderbuch zu illustrieren. Sie möchten nicht gegen das islamische Verbot verstoßen, Mohammed bildlich darzustellen. Schließlich erklärt sich ein Zeichner bereit, das Kinderbuch zu illustrieren, möchte aber anonym bleiben.

Darstellung Mohammeds

Daraufhin verfasst die dänische Nachrichtenagentur Ritzau am 16. September die Meldung: "Dänische Künstler haben Angst vor Kritik am Islam". Flemming Rose beschließt, diese Angst durch eine Veröffentlichung in seinem Blatt zu durchbrechen: "Das war der Punkt, der mich dazu veranlasst hat, einen Brief an die Mitglieder der dänischen Karikaturen Vereinigung zu schreiben, in dem ich sie eingeladen habe, Mohammed so zu zeichnen, wie sie ihn sehen."

Unter den eingesandten Karikaturen ist auch die des dänischen Zeichners Jens Julius. Es zeigt Selbstmordattentäter, die am Eingang zum Paradies abgewiesen werden mit den Worten "Halt, uns sind die Jungfrauen ausgegangen!" Die provokanteste Karikatur stammt aus der Feder des dänischen Zeichners Kurt Westergaart: Der Prophet trägt einen Turban in Form einer Bombe.

Der Islamwissenschaftler und Nahost-Experte Stephan Rosiny: "Das ist eigentlich eines der Missverständnisse gewesen im Karikaturenstreit gewesen, dass das als Bilderverbot dargestellt wurde, das man Mohammed nicht abbilden könne. Um was es den Muslimen in diesem Konflikt ging, ist, dass es verboten ist, Mohammed zu beleidigen, also nicht seine bildliche Darstellung, sondern seine Darstellung als Terrorist und Kinderschänder, das war der eigentliche Skandal."

Der Karrikaturenstreit

Kurz nach der Veröffentlichung der Karikaturen regt sich zunächst kein großer Protest. Erst als im Oktober 2005 eine Delegation dänischer Muslime eine Rundreise durch mehrere islamische Länder unternimmt und die Bilder publik macht, ändert sich das. Was in den kommenden vier Monaten folgt, sind Massenproteste in zahlreichen islamischen Ländern, Wirtschaftsboykotte gegen skandinavische Produkte und brennende dänischen Botschaften. Gegen die dänischen Karikaturisten werden Todesdrohungen ausgesprochen.

Für Stephan Rosiny ist die heftige Reaktion Folge zahlreicher Demütigungen, denen sich Muslime ausgesetzt fühlen: "Dazu muss man auch sehen, dass der Karikaturenstreit kein isoliertes Ereignis war, sondern davor und danach Szenen gegeben, die ähnlich gedeutet wurden. Man denke zum Beispiel an die Folterszenen in Abu Ghraib, die dann als Fotos um die Welt gingen oder den Koran soll in den Schmutz gezogen werden in Guantanamo von Wächtern, Gefangene zu demütigen. Also, es wurde einfach als das "i-Tüpfelchen" einer längeren Kampagne quasi gesehen."

Am 9. Februar 2006 entschuldigt sich "Jyllands-Posten" öffentlich für die "Kränkung vieler Muslime". Der Journalist Rose Flemming hat die Veröffentlichung der Karikaturen dennoch nicht bereut. Er kann dem Karikaturenstreit im Nachhinein auch etwas Positives abgewinnen: "Dieser Karikaturenstreit ist mittlerweile Teil einer internationalen Debatte geworden – über Globalisierung, Meinungsfreiheit, religiöse Befindlichkeiten, multikulturelle Gesellschaften, Immigration, Integration und all diese Dinge – und ich finde es sehr wichtig an diesem Diskurs teilzunehmen."


Autorin: Hanna Ender
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
Audio
Zitat des Tages
    
Zitat des Tages
Wem das Lächeln fehlt, dem fehlt ein Flügel.
  > Truman Capote
> RSS Feed
  > Hilfe
Mit welcher Fernsehserie wurde Jurek Becker als Drehbuchautor bekannt?
  "Derrick"
  "Liebling Kreuzberg"
  "Ich heirate eine Familie"
  Newsletter abonnieren
  Versenden Sie virtuelle Grüße