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28.9.1994: Die Fähre Estonia sinkt
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Mit einem Anteil von nur 0,1 Prozent am Gesamtweltmeer ist die Ostsee eines der kleinsten Meere der Erde. Dennoch gehört sie zu den am stärksten befahrenen Seegebieten – entsprechend hoch ist die Gefahr von Unfällen. Seit 1980 ereignet sich auf der Ostsee durchschnittlich ein großes Schiffsunglück pro Jahr – darunter auch das schwerste der europäischen Nachkriegsgeschichte: Am 28. September 1994, auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm versinkt das Fährschiff MS Estonia vor der finnischen Insel Utö im Meer.

Der Untergang

"Mayday, Mayday Estonia bitte…"
"Guten morgen, sprichst du Finnisch?"
"… Ja, wir haben hier nun ein Problem, eine schwere Schlagseite nach Steuerbord, ich glaube zwischen 20 bis 30 Grad…"


Kapitän Arvo Andresson schafft es gerade noch die Koordinaten der MS Estonia durchzugeben, dann reißt die Verbindung ab. Das Schiff versinkt am 28. September 1994 in der eisigen Ostsee; mindestens 852 Menschen sterben bei dem Unglück.

"Alles ging in rasendem Tempo. Ich stürzte an Deck und warf mich ins Meer. Sekunden später war die Fähre verschwunden." So wird später der Maschinist Henrik Sillaste zitiert, der in der Unglücksnacht um 0.30 Uhr massive Wassereinbrüche am Bug bemerkt. In kürzester Zeit steht ihm das Wasser bis an die Kniekehlen.

Suche nach der Untergangsursache

Solch einen gewaltigen Bruch im Schiffsrumpf kann nur eine Detonation verursachen, sagt Jutta Rabe. Die deutsche Journalistin und Regisseurin glaubt fest an ein gezieltes Attentat und versucht, den Vorfall aufzuklären. Bei einer Tauchaktion mit Experten hat sie Beweise auf Video festgehalten: "Es sind im Bugbereich große Löcher im Stahl, deren Öffnungen nach außen gehen. Das heißt also nicht nach innen, das ist nicht eine Beschädigung, die in irgendeiner Weise von irgendwas her gerührt hat, oder vom Runtersinken des Schiffes, wie immer behauptet wird. Und das lässt ganz klar auf eine Explosion schließen."

Unmittelbar nach der Katastrophe versprechen die Länder Schweden, Estland und Finnland sofortige Nachforschungen anzustellen und leiten eine Untersuchungskommission ein. Vor laufender Kamera sagt damals der schwedische Ministerpräsident Carl Bildt: "… die Untergangsursache muss rückhaltlos aufgeklärt werden. Die schwedische und die finnische Regierung sagen hierzu jede Unterstützung zu. Das Schiff und die Leichen sollen so bald wie möglich geborgen werden."

Ungereimtheiten

Doch das Schiff liegt bis heute in rund 80 Metern Tiefe auf dem Grund der Ostsee. Noch immer wurden nicht alle Leichen geborgen. "Um die Totenruhe nicht zu stören" – heißt es offiziell. Obwohl Zeugenaussagen darauf hinweisen, dass es an Bord Explosionen gegeben hat, wurde dieser Spur nie nachgegangen.

Die Ergebnisse der offiziellen Untersuchungen zweifelt Jutta Rabe daher an: "Die offizielle Kommission, die nach Beauftragung der schwedischen, finnischen und estnischen Regierung gearbeitet hat, hat ja mehr oder weniger herausgefunden: Ach ups, da kamen ein paar starke Wellen, die sind unverhoffterweise gegen die Bugklappe geschlagen, die Bugklappe ist abgefallen und blub blub, weg war das Schiff, und ach, das tut uns aber leid, aber schuldig ist niemand. Es hat bis heute absolute Verhinderungen gegeben, dass Schadensersatzprozesse geführt werden."

Unabhängige Gutachter haben keine Möglichkeit vor Ort zu recherchieren. Wer sich dem Unglücksort nähert, macht sich strafbar. Die Liste der Ungereimtheiten im Fall Estonia bleibt daher lang. Neun Überlebende der Besatzung sind bis heute spurlos verschwunden, unter ihnen auch der zweite Kapitän Avo Piht.

Das Geheimnis der Estonia

Dazu Jutta Rabe: "Er ist als einer der letzten auch gesehen worden, wie er in eine dieser Rettungsinseln, dieser Gummiinseln, gestiegen ist, wo schon acht andere Crewmitglieder drin waren. Ich habe so viele Leute gesprochen, die hinterher mit ihnen im Krankenhaus waren. Es gab sogar Filmmaterial darüber. Dieses Filmmaterial muss aber von der CNN aufgenommen worden sein. Wenn man da anruft und sagt, man möchte die ersten 18 Minuten des Materials von der Estonia haben, dann bekommt man kopiert das Material ab Minute 18!"

Das Geheimnis der Estonia ist vermutlich mit der Ladung zusammen untergegangen.



Autorin: Sarah Tschernigow
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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