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16.9.1979: Flucht in einem Heißluftballon
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Die Idee, ausgerechnet mit einem Heißluftballon zu fliehen, wird aus der Not geboren. Peter Strelzyk, einer der Ballonflüchtlinge erzählte später über die Idee: "Ich bin unter anderem ausgebildeter Flugzeugmechaniker bei der Volksarmee und da wollte ich erst einen Hubschrauber bauen, aber ich habe keinen passenden Motor gekriegt. Die Motoren, die es hier gab, die sind zu schwach gewesen. Was blieb anderes übrig, was wollte man machen: Gasballon, Wasserstoff oder Helium wären natürlich besser gewesen, weil man den nachts nicht sieht – da hat man ja keinen Feuerschein drin. Damit also Heißluftballon."

Peter Strelzyk und sein Kollege Günter Wetzel setzen gemeinsam mit ihren Ehefrauen den waghalsigen Plan in die Tat um: Die Frauen kaufen, um nicht aufzufallen, in umliegenden Stoffgeschäften nur kleinere Mengen Stoff ein, dazu sagte Peter Strelzyk später: "Wir hätten ihn schwarz oder grün oder gelb machen können, aber es gab ja mal dort ein bisschen geeignetes Material und dort ein bisschen geeignetes Material. Das haben wir dann so, wollen wir mal sagen, meterweise zusammengekauft." In mühevoller Heimarbeit werden an einer alten Nähmaschine die Stoffbahnen verbunden. Aus 48 Stoffbahnen wird ein 850 Quadratmeter großer Ballon gefertigt.

Erster Versuch

Doch nach einigen fehlgeschlagenen Testläufen steigen Günter und Petra Wetzel aus. Die Angst ist zu groß. Familie Strelzyk muss nun allein fliegen. Und der nächtliche Fluchtversuch im Juli 1979 misslingt. Peter Baron, Ballonpilot vom Ballonsportclub Havelland erläutert das Scheitern: "Es sollte nicht regnen, speziell bei dem dort verwandten Material wäre das Problem gewesen, dass der Stoff sich voll Wasser gesaugt hätte und dann eben das Ganze sehr schwer geworden wäre. Das war auch mit das Problem bei dem ersten Versuch, dass sie in Wolken gekommen sind und dadurch dann der Ballon sich voll gesogen hat."

Nur wenige Meter vor der Grenze stürzt der Ballon ab. Die Familie kann zwar die Absturzstelle unbemerkt verlassen, aber der Ballon und alle mitgeführten Gegenstände bleiben zurück. Von nun an müssen die Strelzyks fürchten, jederzeit verhaftet zu werden.

Zweiter Versuch

Dennoch wagen sie einen weiteren Versuch. Diesmal will auch Familie Wetzel mitmachen. Obwohl sie wochenlang fast jede Nacht an dem zweiten Ballon arbeiten, wird er erst am 15. September fertig. Das Wetter ist ideal, der Wind weht aus der richtigen Richtung. Der zweite Versuch startet, dazu Peter Strelzyk: "Günter Wetzel und ich, wir haben gestanden. Es war ja auch nicht genug Platz gewesen, denn die Gondel, die hatte ja 1,40 m mal 1,40m und acht Personen und dann haben sie ja noch die vier Gasflaschen drauf. Das ging ziemlich eng zu, aber das ging ja nicht lange - 28 Minuten- da kann man ja auch mal stehen."

Nach nicht einmal einer halben Stunde Flug ist das Gas verbraucht. Der Ballon sinkt langsam und landet schließlich unsanft. Keiner der vier Kinder und vier Erwachsenen weiß, ob die Flucht dieses Mal geglückt ist.

Im Westen

Ein herannahendes Fahrzeug bringt die Gewissheit, wie Peter Strelzyk berichtete: "Dann haben wir erst mal Frauen und Kinder - die haben wir im Busch versteckt. Da war dann schon ein Polizeiauto mit Blaulicht, die sind in diese Richtung gefahren, weil verschiedene Leute dort angerufen haben in Nailau. Da bin ich dann ans Auto hingegangen und habe die Autotür aufgerissen und habe den Polizisten rausgezogen und habe ihn umarmt. Ich habe gefragt: Sind wir hier im Westen? Da sagt er: Natürlich. Wo sonst."

Beide Familien können in der Bundesrepublik bleiben und erhalten die Staatsbürgerschaft. Zwei Jahre später wird der schicksalhafte Flug der beiden Familien verfilmt, ihre Erlebnisse verarbeiten Peter und Doris Strelzyk in dem Buch. "Schicksal Ballonflucht. Der lange Arm der Stasi."


Autorin: Nadja Münnich
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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