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19.7.1980: Boykott gegen Olympiade in Moskau
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Ein Olympiasieg ist der Traum jedes Sportlers. Der Olympia-Turnus ermöglicht den Athleten allerdings nur alle vier Jahre die Chance auf eine der begehrten Medaillen. Es trifft Sportler daher besonders hart, wenn ihnen aus politischen Gründen die Teilnahme an den Spielen verweigert wird. Ein solcher Boykott traf auch die bundesdeutschen Athleten, die der Eröffnung der Olympischen Spiele in Moskau am 19. Juli 1980 fern bleiben mussten.

Heiner Brand, Handballbundestrainer von 1997 bis 2011, erinnert sich, wie er am heimischen Fernseher den Beginn der Spiele erlebte: "Als dann die Olympischen Spiele in Moskau im Gange waren, da setzte der richtige Schmerz ein. Und auch eine Verbitterung. Denn im Nachhinein hat man festgestellt, dass der Sport der einzige Bereich war, in dem der Boykott konsequent durchgezogen worden ist. Diese Verbitterung ist bei mir nach wie vor da."

Boykott

Das Gastgeberland der Olympischen Spiele von 1980, die Sowjetunion, hatte im Dezember 1979 Afghanistan überfallen und besetzt. US-Präsident Jimmy Carter forderte daraufhin die Welt zum Boykott der Spiele in Moskau auf. Die Bundesregierung folgte dem Aufruf. Auf einem Empfang der westdeutschen Teilnehmer der Winterspiele von Lake Placid im April 1980 empfahl Bundeskanzler Helmut Schmidt dem NOK, dem Nationalen Olympischen Komitee, die Spiele in Moskau zu boykottieren: "Meine Damen und Herren, schwere Verletzungen des Völkerrechts ergeben einen schlechten Rahmen für friedlichen sportlichen Wettkampf."

Das NOK der Bundesrepublik Deutschland entschied sich im Mai 1980 für den Boykott. Der Präsident des NOK, Willy Daume, hatte bereits zuvor erklärt: "Es ist unsere gemeinsame Absicht, zum Schluss mit einer Entscheidung dazustehen, mit der wir wirklich vor jeder Kritik bestehen können."

Farce

Der Boykott erwies sich jedoch schnell als Farce. Entgegen allen Zusicherungen nahmen andere westeuropäischen Nationen wie Großbritannien, Italien und Frankreich an den Spielen teil. Der Handball-Weltmeister von 1978, Heiner Brand, aus der Bundesrepublik aber fehlte. Die Goldmedaille im Handball ging an die DDR.

Vier Jahre später traf das gleiche Schicksal den Handballer und Weltklassetorwart Wieland Schmidt aus der DDR. Diesmal boykottierte der Ostblock die Spiele von Los Angeles. Es war die Revanche für den Boykott des Westens vier Jahre zuvor, Wieland Schmidt hierzu: "Wir als Sportler sagen, politische Dinge haben nichts mit dem Sport zu tun. Aber immer wieder wird der Sport dafür genutzt. Für einen Sportler ist das eine ganz böse Sache."

Berlin, Montreal, Seoul

Die Idee, mit einem Boykott politischen Druck auf das Gastgeberland der Olympischen Spiele auszuüben, wurde erstmals 1936 diskutiert. Die Spiele in Berlin wurden 1936 nicht boykottiert und gingen als Propaganda-Spiele der Nationalsozialisten in die Geschichte ein.

Im kanadischen Montreal 1976 fehlten 21 afrikanische Staaten. Sie protestierten damit gegen die Teilnahme Neuseelands, das einen Sportbann gegen das südafrikanische Apartheit-Regime gebrochen hatte. 1984 prophezeite der Vizepräsident des Deutschen Sportbundes, Hans Hansen, in Los Angeles daher das Ende der Spiele: "Die olympische Idee oder die olympischen Spiele sind praktisch tot."

Als die Welt sich 1988 auf die Olympischen Spiele im südkoreanischen Seoul freute, rief Nordkorea den Ostblock zum Boykott auf. Hansens Befürchtungen bestätigten sich diesmal jedoch nicht. Es blieb beim Aufruf und ab den 1990er-Jahren trat der Sport wieder in den Vordergrund.

Keine Instrumentalisierung des Sports

Erst bei den Spielen in Peking 2008 waren wieder Stimmen zu hören, die einen Boykott forderten. Diesmal stand Chinas Tibet-Politik am Pranger. Doch es blieb bei kritischen Stimmen. Die Spiele von Peking wurden nicht boykottiert.

Die Verantwortlichen des Sports haben mittlerweile offenbar gelernt, dass ein Boykott Olympischer Spiele politisch nichts auszurichten vermag. Das denkt auch Heiner Brand: "Da habe ich diese Meinung auch vertreten, dass der Sport sich nicht instrumentalisieren lassen darf und der Sport, auch wenn er in der Politik irgendwo involviert ist, seinen eigenen Weg gehen muss."


Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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