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8.4.2000: Erste Babyklappe in Deutschland
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Die Klappe ist nur 70 Mal 30 Zentimeter groß. Ohne das leuchtende Hinweisschild neben der Eingangstür würde sie vermutlich niemandem auffallen. "Babyklappe" steht in großen Buchstaben unter der Hausnummer 27 in der Hamburger Goethestraße. Im Inneren der Klappe befindet sich ein Wärmebettchen, das stets auf 37 Grad vorgeheizt ist. Wird die Klappe geöffnet, geht ein stummer Alarm los. Professionelle Hilfe für das abgelegte Baby ist in fünf bis zehn Minuten vor Ort.

Die Idee zur Babyklappe stammt vom Verein SterniPark. Aufgeschreckt durch zwei tot aufgefundene Babys im Jahr zuvor wollen die Mitglieder werdenden Müttern ein Hilfsangebot machen. Bereits ein knappes Jahr nach der Eröffnung kann Katrin Herbst von SterniPark erste Erfolge vermelden: "Bisher wurden vier Kinder in die Babyklappe gelegt, zwei Kinder wurden dem Projekt Findelbaby über das Notruftelefon übergeben und ein Kind wurde anonym geboren in Flensburg im Krankenhaus."

Ungeachtet aller rechtlichen Fragen

Hamburgs Beispiel macht rasch Schule. Überall in Deutschland richten Kliniken und soziale Einrichtungen Babyklappen ein. Auch das Berliner Krankenhaus Waldfriede hat seit Herbst 2000 eine. Für sie zuständig ist die Pastorin und Krankenhausseelsorgerin Gabriele Stangl. Sie kennt die Gründe, die eine Babyklappe notwendig machen: "Wenn man ein bisschen tiefer schaut, dann ist die Not überall sehr groß, in allen Gesellschaftsschichten. Es gibt sexuelle Misshandlungen, sexuelle Übergriffe, wo zum Beispiel Mädchen von Brüdern oder Vätern Kinder bekommen oder von Onkeln. Es gibt auch die Situation, dass das Geld nicht reicht, dass man Angst hat, noch ein weiteres Kind großziehen zu müssen und noch tiefer in die Armut rutscht."

Eine klare rechtliche Regelung für Babyklappen gibt es nicht. So entzieht sich die Mutter mit der Abgabe des Kindes eigentlich ihrer Fürsorgepflicht und macht sich dadurch strafbar. Gleichzeitig erfüllt sie ihre Pflicht aber auch, weil sie das Neugeborene jemand anderem anvertraut, was juristisch durchaus legitim ist. Ungeachtet aller rechtlichen Fragen, stört die Gegner der Babyklappe aber vor allem, dass die Mütter anonym bleiben. Michael Heuer, Sprecher vom Kinderhilfswerk terre des hommes sagte dazu: "Dadurch entstehen Findelkinder. Das heißt, Kinder, die irgendwo abgelegt werden, wo man nicht weiß, was sind die Umstände der Geburt, wer ist die Mutter, wer ist der Vater, was sind die Gründe der Aussetzung? Also ist die Mutter eventuell gezwungen worden? Es hat auch schon Fälle gegeben, wo behinderte Kinder in Babyklappen gelandet sind. Das heißt, da wird doch offensichtlich ein Angebot geschaffen, dass man Säuglinge anonym verschwinden lassen kann."

Trotz aller Bedenken

Für die Betreiber der Babyklappen steht trotz aller Bedenken die Rettung von Leben im Vordergrund. Pastorin Gabriele Stangl dazu: "Die Babyklappen-Gegner behaupten, dass wir seelische Krüppel produzieren würden, d.h. diese Kinder würden ihre Wurzeln nie kennen. Ich möchte aber sagen, auch wenn ich meine Wurzeln nicht kenne, kann ich ein sehr glückliches Leben führen, indem man mir die Wahrheit sagt, wie die Umstände meiner Geburt waren. Und dass meine leibliche Mutter aber dafür sorgte, dass ich wenigstens selbst leben darf und ein gutes Leben bei anderen Eltern führen darf."

In vielen Fällen melden sich die Mütter, die ihr Baby in die Klappe gelegt haben, nach einigen Tagen oder Wochen. Häufig hinterlassen sie dann doch ihren Namen und den Grund für ihre Handlung. Manchmal holen sie ihr Baby auch zurück und starten mit der Unterstützung von sozialen Einrichtungen und Ämtern in einen neuen Lebensabschnitt.


   
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