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11.2.1986: Letzter Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke
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Bei eisigem Winterwetter warten hunderte Journalisten auf den Austausch von Agenten, eine Szene wie aus einem Hollywood Film. Drei Agenten aus dem Westen und fünf Spione aus dem Osten sollen auf der Glienicker Brücke die deutsch-deutsche Grenze passieren. Es ist der dritte und letzte Agentenaustausch auf der malerisch gelegenen Brücke, die Berlin und Potsdam verbindet.

Als erster darf Menschenrechtler Anatolij Schtscharanski den Ost-Block verlassen. Vom russischen KGB in einen viel zu großen Anzug gesteckt läuft Schtscharanski bis zu dem weißen Strich, der die Grenze markiert. Überglücklich tritt er über die Linie in die Freiheit. Kurz darauf begleitet Anwalt Wolfgang Vogel, der den Austausch organisiert hat, auch die drei West-Agenten zur Grenze. Nach und nach nimmt er später die fünf Spione aus dem Osten in Empfang.

Verhandlungen

Dem Agentenaustausch gehen jahrelange zähe Verhandlungen voraus. Im Zentrum der Bemühungen steht Anatolij Schtscharanski. Als dem russischen Juden 1973 die Ausreise nach Israel verweigert wurde, kämpfte er in der Sowjetunion für die Durchsetzung von Menschenrechten. 1977 wurde Schtscharanski verhaftet und wegen angeblicher Spionage und Hochverrat zu 13 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Vergeblich forderte der Westen seine Freilassung.

Eine zentrale Rolle in den Verhandlungen spielt Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. Der Ostdeutsche hat das Schicksal tausender ausreisewilliger DDR-Bürger bestimmt. Er hat Häftlingsfreikäufe organisiert und Familien zusammen geführt. Für Ost und West ist er auch der erste Anlaufpunkt, wenn es um den Austausch von Agenten geht.

Austausch

Bereits bei der ersten Austausch-Aktion 1962 ist Wolfgang Vogel beteiligt. Damals wird der sowjetische Spion Rudolf Abel gegen den von der Sowjetunion abgeschossenen Piloten Gary Powers ausgetauscht. Welche Rolle genau Vogel bei diesen Geschäften spielt, ist bis heute strittig.

1985 organisiert Vogel den größten Agentenaustausch nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Ein mit Vogel befreundeter, westdeutscher Journalist leitet eine Liste mit den Namen der im Osten verhafteten Agenten an die CIA weiter. Um ihre Spione aus den Gefängnissen des Ostens zu befreien, stimmen die USA einem Austausch von Agenten zu. 23 Ost-Spione und vier West-Agenten dürfen im Juni 1985 die Glienicker Brücke passieren.

Doch den von den USA vehement geforderten Anatolij Schtscharanski geben die Russen nicht frei. Schtscharanski hat es seiner Frau zu verdanken, dass die Welt Anteil nimmt an seinem Schicksal. 1974 wird Avital Schtscharanski die Ausreise aus der Sowjetunion gewährt. Seitdem sorgt sie unermüdlich dafür, dass ihr Mann im Westen zur Symbolfigur wird – Sinnbild für die Verletzungen der Menschenrechte in der Sowjetunion.

Historisches Datum

Schon kurz nach den Ereignissen von 1985 verhandelt Wolfgang Vogel über weitere Aktionen. Auch die Sowjetunion will den Problemfall Schtscharanski endlich loswerden. Am 11. Februar 1986 ist es so weit. Die USA legen großen Wert darauf, aus dem Austausch ein Medienereignis zu machen. Selbst das Datum ist mit Bedacht gewählt. Genau 24 Jahre zuvor fand an selber Stelle der erste Agentenaustausch statt. Für die beteiligten Staaten mag die Spitzel-Übergabe von 1962 bedeutender gewesen sein. Doch aufgrund des riesigen Medienechos bleibt der Agentenaustausch von 1986 als der spektakulärste im Gedächtnis.



   
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