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15.6.1882: Erster Strandkorb
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Sommer, Sonne, das süße Gesäusel der See - was braucht es mehr zum Glücklich sein. So könnte man immerhin denken. Doch das wäre vorschnell, denn ein Requisit, sperrig, schwer, ein Art geflochtene Muschel, ist an Deutschlands Kaltküsten schier unverzichtbar und sprießt in der Saison zu Tausenden auf dem spröden Sand. Der Strandkorb, er gehört zum Badeleben nördlich des 50. Breitengrades ebenso wie Sandburgen und tückisch wehende Winde.

Rund 50.000 der Minilauben mit Seeblick stehen an Deutschlands Gestaden. Aber auch immer häufiger macht sich die Spezies auf Terrassen breit, auf Balkonen und mitten im Garten.

Diesen Siegeszug biederer Bequemlichkeit konnte keiner voraussagen, auch nicht der Erfinder des Strandmöbels, ein gewisser Wilhelm Bartelmann aus Warnemünde, der am Ende des 19. Jahrhunderts den etwas exzentrischen Auftrag erhielt, ein Behältnis gegen Wind und Wetter zu bauen.

Eine alte Dame und ein findiger Korbmacher

Der Enkel Wilhelm Bartelmanns, Rudolf Bartelmann, erinnerte sich an die Geburtsstunde eines Gebrauchsgegenstandes: "Großvater war der Hofkorbmachermeister Wilhelm Bartelmann. Er war der erste Korbmacher, der sich in Rostock ansässig machte - vorher war keiner dort. Dann, so erzählt es uns die Überlieferung, ist eine alte Dame zu ihm gekommen, die mit Vorliebe am Strand sitzen mochte. Aber da sie Rheuma hatte, wollte sie sich vor Wind auch der direkten Sonneneinstrahlung schützen. Sie bat ihn, ihr einen Stuhl zu bauen, mit dem sie sich dort (am Strand) aufhalten könne. Großvater griff den Gedanken auf und hat dann solch ein Ding entworfen. Das ist 1882 gewesen, das ist uns überliefert. Spötter sagen ja, der erste Strandkorb hätte ausgesehen wie ein aufrecht gestellter Wäschekorb mit einem quer eingelegten Brett."

Daran hat sich bis heute nicht allzu viel geändert. Höhepunkt und zugleich auch schon Abschluss eines 100-jährigen Tüftelns rund um den Strandkorb war schließlich der Halblieger, ein Korb für zwei Personen, dessen Rückwand sich um 45 Grad nach hinten klappen lässt. Wer allerdings daraus den wiederum vorschnellen Schluss zieht, alle Strandkörbe seien unter der Sommersonne gleich, der irrt auch hier gewaltig, denn Kenner unterscheiden zwischen zwei Grundtypen.

Mathias Fromholz, der Geschäftsführer von Deutschlands traditionsreichster Strandkorbfabrik mit Sitz in Heringsdorf auf Usedom, ist ein Kenner: "Es gibt den Unterschied, und zwar ist der Ostseekorb geschwungen, etwas runder in der Form, wirkt eigentlich ein bisschen gemütlicher. Und der Nordseekorb ist so wie die Landschaft der Nordsee eben: ziemlich schlicht und einfach, hat gerade Konturen."

Husch, ins Körbchen!

5.000 Strandkörbe verlassen jährlich seinen Betrieb mit so schönen Namen wie Norderney, Sylt oder Rügen - und zwar von 500 Euro an aufwärts. Der Strandkorb Mauritius findet sich zwar auch im Programm, doch das ist kaum mehr als ein billiger Tribut an das Fernweh, denn der Strandkorb ist endemisch und findet außerhalb der heimischen Küsten keine weitere Verbreitung, höchstens in Dänemark, den Niederlanden und Polen sollen einige Exemplare vereinzelt gesichtet worden sein.

Anders gesagt: Der Strandkorb ist so deutsch wie der Gartenzwerg und die Currywurst. Doch das hindert die Konkurrenz in fernen Ländern beileibe nicht, ihn abzukupfern und frech zu exportieren. Da kommt die Klage um ein deutsches Kulturgut schnell auf. Dem Sommerfrischler ist es letztlich gleich, ob ihn ein Dach aus Weidengeflecht oder PVC beschirmt. Für ihn heißt es allemal: Husch, ins Körbchen!


Autor: Andreas Wolf
   
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