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13.6.1989: Gorbatschow in Deutschland
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Der damalige sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow war in der Bundesrepublik Deutschland zu Gast. Niemand konnte ahnen, dass dieser vier Tage dauernde Besuch die Menschen verändern, Gorbatschow verändern und wenige Monate später auch Europa verändern sollte. Gorbatschow, der Erfinder von Glasnost und Perestrojka, war im Westen des geteilten Deutschlands. Ein paar Wochen später würde er den sozialistischen Bruderstaat DDR besuchen, und er würde der Nummer eins sagen: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."

Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl begrüßte den Gast mit den Worten: "Herr Generalsekretär, es ist mir eine große Freude, dass ich zu Beginn unserer Gespräche hier noch einmal vor dem Forum der Öffentlichkeit unseres Landes Sie sehr herzlich begrüßen darf. Auf Ihrem Besuch hier bei uns ruhen viele Hoffnungen - bei Ihnen zu Hause und bei uns zu Hause in der Bundesrepublik Deutschland."

Gorbatschow sagte damals: "Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, ich möchte Ihnen danken für die Worte der Begrüßung und für die Gastfreundschaft, die uns zuteil geworden ist. Wir werden uns Mühe geben, gute Arbeit zu leisten, damit wir dieser Hoffungen und Erwartungen unserer beider Völker gerecht werden. Vielen Dank noch mal."

Europäisches Haus

Später sprach man im Ausland von einer Gorbimanie, erklärte die Deutschen für verrückt. Als Gorbatschow mit Ehefrau Raissa auf dem Bonner Marktplatz war, jubelten Tausende ihnen zu. Ein kleiner Junge überreichte ihnen Blumen, Gorbatschow nahm ihn auf den Arm. Jubel, Begeisterung. Große Worte am Abend.

Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker sagte: "Wenn ein europäisches Haus entsteht, mit dem in einer friedlichen Ordnung Trennungen überwunden werden, in dem also Europa wieder zusammenwächst, wie es seiner Bestimmung entspricht, dann sind wir auf dem richtigen Weg."

Auch Gorbatschow sprach von einem "gesamteuropäischen Haus", von einer "gemeinsamen friedlichen politischen Lösung aktueller Probleme". Gorbatschow gab Interviews, ließ sich feiern, er sagte: "Ich bin mit den besten Absichten hergekommen, mit dem Wunsch, alles zu tun, damit unsere Beziehungen in der Zukunft weiter vorankommen mögen - und bei diesem Interview möchte ich den Bürgern der Bundesrepublik Deutschland alles erdenklich Gute und weiteres Aufblühen wünschen."

Von Wasser und der Einheit

Spätabends saßen Kohl und Gorbatschow am Rhein. Spaziergänger rieben sich verwundert die Augen. Kohl erzählte vom Wasser - vom Wasser, das ins Meer fließt; und wie das Wasser, so sagte er, ins Meer will, so wollten die Deutschen die Einheit.

Am Tag darauf ging es für Gorbatschow nach Stuttgart. Der Gast aus Moskau wollte das Musterländle und den Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth besuchen. Geschäfte. Jubel empfing Gorbatschow: 50.000 Menschen säumten die Straßen in Stuttgart.

Nach den Gesprächen mit Späth fuhren alle im Konvoi hinaus zur Universität. Computer und Maschinen waren aufgebaut. Gorbatschow sollte, so wurde er gebeten, seinen Kopf per Laser abtasten lassen. Gleich darauf sollte sein Konterfei aus Metall fertig sein. Er lachte charmant, war ratlos. Dann winkte er ab. Njet. Schade. Nach der einstündigen Vorstellung sagte die Gorbatschowa "spasibo", Danke.

Vier Tage, die Deutschland veränderten

Der letzte Tag des Besuchs. Gorbatschow sprach vor 7000 Hoesch-Arbeitern in Dortmund. Der Betriebsratsvorsitzende schlug Gorbatschow für den Friedensnobelpreis vor - ein Jahr später sollte er ihn erhalten. Die Arbeiter waren von Gorbatschow begeistert: "Wenn wir das alles so durchdrücken können, was er da erzählt, also dann wird es ein bisschen besser werden in der Welt."

Vier Tage, die Deutschland verändert haben. Gorbatschow sprach von einer "Bewegung der Seelen". Er verabschiedete sich mit den Worten: "(...) wollen wir einander entgegengehen. Derjenige, der geht, wird den Weg zurücklegen. Ich danke Ihnen."


Autor: Claus-Dieter Gersch
   
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