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7.6.1958: SOS-Kinderdorf in Deutschland
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7. Juni 1958 - eine kleine fröhliche Gemeinde hatte sich in Dießen am Ammersee versammelt. Erwachsene und Kinder feierten die Eröffnung des ersten SOS-Kinderdorfes in Deutschland. Auch Hermann Gmeiner war dabei, der geistige Vater der SOS-Kinderdorfbewegung. Er hatte schon an einigen Festakten dieser Art teilgenommen, denn die Idee, elternlosen Kindern eine neue Familie zu geben, fand immer mehr neue Anhänger.

Schon wenige Jahre später konnte Gmeiner zufrieden feststellen: "SOS-Kinderdorf heißt letzten Endes Versöhnung und Verständigung. Die Idee der SOS-Kinderdörfer ist so überzeugend und so einfach, dass sie auch von allen vier großen Weltreligionen, ich möchte fast sagen wie ihre eigene Kultur aufgenommen worden ist. Es gibt SOS-Kinderdörfer im Christentum, im Buddhismus, im Hinduismus, bei den Mohammedanern genauso wie nun auch im Judentum. Und ich meine, dass die SOS-Kinderdörfer nicht nur ein Modell sind, nicht nur ein Tropfen auf einen heißen Stein sind, sondern eine ganz große Revolution, eine Reform in der pädagogischen Fürsorge der Kinder dieser Welt."

Eigentlich wollte Hermann Gmeiner Arzt werden. Doch das Elend gerade der Kinder nach dem Zweiten Weltkrieg, das er bei seiner Mitarbeit in der katholischen Jugendbewegung erlebte, veranlasste ihn zum Kurswechsel. In Tirol gründete er 1949 das erste SOS-Kinderdorf, das nach den gleichen Prinzipien organisiert war wie die heutigen Kinderdörfer weltweit auch.

Eine riesige, große Familie

Zu den ersten Waisen, die unter Gmeiners Schirmherrschaft eine neue Heimat finden, gehörte Helmut Kutin, nach Gmeiners Tod 1986 sein Nachfolger an der Spitze der Organisation. Kutin sagte: "Das pädagogische Prinzip der SOS-Kinderdörfer und von Hermann Gmeiner war, die Kinder wieder bei uns zu beheimaten in einem möglichst familiennahen System und dazu eine Mutter, eine Frau, die bereit ist, diese Kinder hautnah anzunehmen und mit ihnen durch ein Leben zu gehen. Zweitens: leibliche Geschwister bleiben zusammen. In jeder Kinderdorffamilie gibt es Kinder vom Neugeborenen bis zum 15-jährigen Buben oder Mädchen. Drittens: das Familienhaus, die Mutter kocht, die Kinder erleben das tägliche Leben. Und viertens das Dorf, dieses Haus ist eingebunden am Rande einer historisch gewachsenen Stadt und besteht aus 15 bis 20 Familien."

Die Kinder, die heute in deutschen SOS-Kinderdörfern leben, sind zum großen Teil so genannte Sozialwaisen, sie stammen meist aus zerrütteten Familienverhältnissen, wie zum Beispiel eine 15-jährige Zeitzeugin: "Meine Mutter konnte uns nicht mehr halten. Die haben sich halt immer gestritten, meine Mutter und mein Vater, und dann sagte das Jugendamt, das geht nicht mehr weiter. Und dann musste ich hierher. Und einerseits bin ich wirklich froh, dass ich hier bin. Ich habe so viele Vorteile. Wenn ich denke, mir geht es besser hier als in manchen anderen Familien so aus meiner Klasse zum Beispiel. Wenn ich da höre, was für Zustände da Zuhause sind und so. Hier ist alles wie eine ganz riesige, große Familie, die zusammen ist und sich gern hat."

SOS-Projekte weltweit

Eine ehemalige Kindergärtnerin, die bereits eine ganze Generation von Kindern großgezogen hat, erinnerte sich: "Als ich hier anfing, hatte ich große Idealvorstellungen. Und man muss ein Stück davon zurücknehmen, von den Idealvorstellungen, weil die Kinder aus ganz gestörten Verhältnissen kommen. Man muss sich drauf einstellen. Man steht ja auch nicht alleine da, ich habe ja auch Hilfe durch den Dorfleiter, durch die Mitarbeiter, durch Psychologen, durch Fortbildung. Also ich denke, man kann es schon schaffen."

Eine Herausforderung, auch wenn es in den SOS-Kinderdörfern - anders als in vielen anderen Familien - keine materielle Not gibt. Gerade in den Ländern der so genannten Dritten Welt wachsen so die Kinder vergleichsweise privilegiert auf, dafür sorgen fast zwei Millionen regelmäßige Spender.

Rund 125 SOS-Projekte gibt es inzwischen in über 46 Ländern, darüber hinaus unterhält der Hermann-Gmeiner-Fonds inzwischen Kindertages- und Beratungsstätten, Jugendwohngemeinschaften, Mutter-Kind-Kliniken und Schulen. Die Idee Hermann Gmeiners erweist sich heute als genauso aktuell und tragfähig wie 1958.


Autorin: Sybille Golte
   
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