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12.5.1941: Aufbruch ins Computer-Zeitalter
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In den USA wäre Konrad Zuse wohl zum Idol des typischen "self-made-man" erkoren worden, denn lange bevor Bill Gates geboren wurde, machte er genau das, was dem Chef von Microsoft Millionen, ja Milliardengewinne bescheren sollte. In Heimarbeit baute er zwischen 1936 und 1938 die erste programmierbare Rechenmaschine.

Heraus kam ein zwei Mal zwei Meter großes Monstrum aus Blechteilen, Kurbeln, Glasplatten und Programmwalzen. Ein Apparat, den man später "Computer" nennen würde. Die Blechteile hatte Zuse selbst zurecht gesägt, finanzielle Unterstützung hatte er keine.

Das Orginal

Das Orginal ist im Krieg zerstört worden. Ein Nachbau der legendären Z1, wie Zuse seinen Apparat nannte, steht heute im Berliner Museum für Verkehr und Technik. Götz Widiger, der die Maschine betreut, erkennt darin alle Bauteile, die auch moderne Computer aufweisen: Der eigentliche Rechner, Speicher und eine Ausgabeeinheit: "Das ganze ist deshalb so beeindruckend, weil es ein ganz mechanischer Computer ist. Es gibt keine Relais, an Transistoren ist zu dieser Zeit, 1937, noch nicht zu denken und dementsprechend groß fällt sie aus. Konrad Zuse hat das damals in Kreuzberg im Wohnzimmer seiner Eltern das mit ein paar Freunden aufgebaut, und alle Schaltelemente, die er verwendet hat, sind eben rein mechanisch aus Blechen aufgebaut worden, die sich gegeneinander verschieben. Das war leider auch der Grund, warum die Z1 nie völlig funktionsfähig war und immer wieder ihre Macken hatte, weil diese Bleche sich halt gegeneinander verschoben und verkantet haben. Aber vom Prinzip her ist es eben voll funktionsfähig."

Die Z1 wurde von einem Staubsaugermotor angetrieben, schließlich mussten rund 20.000 Einzelteile mechanisch bewegt werden. Eine Multiplikation dauerte damit rund fünf Sekunden.

Dennoch, der erste Schritt in Richtung programmgesteuerte Rechenoperationen war gemacht, auch wenn man die Maschine nicht mit heutigen Computern vergleichen kann, wie Konrad Zuse 1977 einräumte: "Es hat sich wohl einiges geändert. Die ersten Rechner, zu denen auch mein Z1, der 1941 fertig war, gehörte, dienten wissenschaftlichen Rechnungen, zumeist rein numerischen Rechnungen, und führten diese nach einem starren, linearen Programm aus, wie man heute sagt. Heutige Rechner sind wesentlich flexibler, können Programme speichern, können Programme abändern und so fort, was damals noch nicht aktuell war."

Von der Z1 zur Z3

Zuse war eher zufällig zur Entwicklung von Rechenmaschinen gekommen. 1910 als Sohn eines Postbeamten geboren, studierte er ohne große Begeisterung Bauingenieurwesen. Mit dem Diplom in der Tasche war er als Statiker in den Henschel-Flugzeugwerken angestellt. Weil ihm die zeitraubenden statischen Berechnungen ein Greuel waren, begann er sich Gedanken über eine Maschine zu machen, die ihm diese Arbeit abnahm. Der "eigenen Faulheit wegen", wie er sagte.

Durch seinen Erfolg mit der Z1 angespornt, gründete Zuse seine eigene Firma und widmete sich ganz der Verbesserung seiner Rechenmaschine. Mit Unterstützung der "Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt" gelang im 1941 mit der Z3 der Durchbruch.

Am 12. Mai führte er sein Gerät vor, immerhin noch so groß wie drei Kühlschränke. Das Rechenwerk war nun mit 600 Relais ausgestattet, der Speicher besaß über 1800, was die Rechengeschwindigkeit fast verdoppelte. Im Gegensatz zur Z1, die nicht zuverlässig arbeitete, wurde die Z3 auch praktisch eingesetzt.

Patente, Patente, Patente

Inzwischen konkurrierten neben Zuse auch Siemens und Telefunken und auch in den USA und Großbritannien wurde fieberhaft an Rechenmaschinen gearbeitet. Der große kommerzielle Erfolg blieb für den Erfinder Zuse allerdings aus. 26 Jahre stritt er um die Urheberrechte, erst 1967 fiel das richterliche Urteil. Eine "patentwürdige Erfindung" würde nicht vorliegen, hieß es in der Entscheidung. Zuse gab auf, seine Firma wurde später von Siemens übernommen.

Insgesamt hat Konrad Zuse über 50 Patente angemeldet. Schon als Student hatte er einen Verkaufsautomaten entwickelt, der Preise addierte und Rückgeld herausgeben konnte. Später kam die Programmiersprache "Plankalkül" hinzu, eine Richtungsweisende Entwicklung hin zu modernen Programmiersprachen. Der Tüftler Zuse fand aber wenig Förderer. Er selbst bezeichnete sich als "gescheiterter Kapitalist".

Neues schaffen

Wie viele Erfinder war auch Konrad Zuse gegenüber den Möglichkeiten der neuen Technik kritisch eingestellt. Der Einsatz von Computern, der sich erst allmählich abzeichnete, löste in den 1970er-Jahren bei der Bevölkerung Angst und Misstrauen aus. Befürchtungen, die Zuse teilweise teilte. In zahlreichen Interviews wies er auf die vielfältigen Einsatzgebiete von Computern hin, warnte aber gleichzeitig vor deren unkontrollierten Gebrauch: "Bisher war der Bürger durch die Trägheit der Bürokratie vor vielen Übergriffen des Bürokratismus geschützt. Jetzt kommt der Computer und macht das alles in Millisekunden, und dadurch treten natürlich neue Probleme auf. Selbstverständlich können Sie auch den Computer einsetzen, um bestimmte Ziele zu erreichen. Da kommt es auf den Menschen an, der mit dem Computer arbeitet. Wenn er den Computer als Instrument benutzt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, dann wird er auch in einer bestimmten Weise mit Hilfe des Computers manipulieren. Dass ein Computer selbst manipuliert, soweit sind wir heute wohl noch nicht."

In den 1970er-Jahren zog sich der Erfinder immer mehr ins Privatleben zurück. Er widmete sich seiner Familie, den fünf Kindern und mehr und mehr der Malerei. Großflächige Bilder entstanden, tiefe Häuserschluchten in kräftigen Farben. Die Idee, Neues zu schaffen, hat ihn nie losgelassen.

Ideen, Ideen, Ideen

Und so arbeitete Zuse auch noch im Ruhestand an technischen Verbesserungsmöglichkeiten und neuen Maschinen. Zuletzt hatte es ihm die Windenergie angetan. Er entwarf Windräder und Windmaschinen der vielfältigsten Art.

Anlässlich seines 85. Geburtstags gab er eines seiner letzten Interviews: "Ja, ich habe da noch eine Idee entwickelt, die jetzt noch in der Erprobung ist und in der weiteren Ausarbeitung, und ich stehe damit jetzt etwa an der gleichen Stelle, wo ich 1938 mit dem Computer stand. Im Wesentlichen ist die Idee, einen Turm zu haben, der automatisch ausgefahren und wieder eingefahren werden kann, so dass wir also sehr schnell die Windräder auch wechseln können. Genauso wie sie bei einem Fotoapparat die Objektive wechseln können, kann ich je nach Windstärke, Turbulenz usw. das passende Windrad aussuchen und kann mich der Windstärke anpassen."

Die Windmaschine mit den auswechselbaren Rotoren konnte Konrad Zuse nicht mehr verwirklichen. Er starb am 18. Dezember 1995 in Hünfeld bei Fulda.



Autor: Klaus Enderle
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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