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29.4.1967: Musical "Hair" uraufgeführt
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"Wenn der Mond im siebten Haus steht
und Jupiter auf Mars zugeht,
herrscht Friede unter den Planeten,
lenkt Liebe ihre Bahn.
Dann beginnt das Zeitalter des Wassermanns,
Harmonie und Recht und Klarheit,
Sympathie und Licht und Wahrheit.
Niemand wird die Freiheit knebeln
und den Geist umnebeln.
Der Mensch lernt wieder denken
dank dem Wassermann."

"Aquarius" - ein Lied, das Ende der 1960er Jahre um die Welt ging. Es war die Eröffnungshymne des Musicals "Hair", das am 29. April 1968 im New Yorker Biltmore Theater Premiere hatte. Es traf vor allem den Geschmack der aufbegehrenden Jugend in den USA. Engagement gegen Vietnam, für Black Power, gegen das Establishment und die Forderung nach freier Liebe waren angesagt.

"Sodomie, Fellatio, Päderastie. Vater, warum klingen diese Worte so dreckig. Masturbation kann Spaß machen. Kommt alle ins heilige Kama Sutra."

Wohl zum ersten Mal in der Theatergeschichte wagten sich Schauspieler splitternackt auf die Bühne. Sie riefen zu Orgien und Rauschgiftgenuss auf und verbrannten Einberufungsbescheide. Das zu Zeiten des Vietnamkriegs besonders heilige Sternenbanner diente als Unterlage zum Gruppensex. Für viele, vor allem die Kirche und konservative Politiker, schockierende Szenen.

Doch das Musical wurde gleichzeitig als neu und teilweise brillant angesehen. Clive Barnes bezeichnete es in seiner Premierenkritik in der New York Times "als das erste Theaterstück am Broadway, das die Sprache der Gegenwart spricht und nicht von vorgestern ist." Und Tom O'Horgan, der Regisseur der Broadway-Fassung von "Hair", sagte in einem Interview:

"So eine Idee hast Du nur einmal in Deinem Leben: ein Theaterstück, dessen Sprache, Musik, Kleidung, Tanz und sogar dessen Titel ein soziales Phänomen auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung im Detail beschreiben."

"Hair" war das Produkt zweier seinerzeit arbeitsloser Schauspieler. Gerome Ragni und James Rado wollten ein Stück auf die Bühne bringen, das von der Realität handelte, deren Zeugen sie jeden Tag waren. Nach längerer Suche wurde Galt MacDermott als Komponist gewonnen. Der war zwar mit schon fast 40 Jahren jenseits der angesagten Vertrauensgrenze, aber er vertonte die aufmüpfigen Texte der Schauspieler zur Zufriedenheit aller.

Die Geschichte handelt vom Pilzkopf George Berger und seinem Freund Claude Berkowsky sowie dessen Clique. George ist gerade von der Schule geflogen, Claude steht vor der Einberufung zum Militär. In von Aufführung zu Aufführung unterschiedlichen Szenen - auf ein durchgeschriebenes Libretto hatten Ragni und Rado verzichtet; nur die Liedeinlagen standen fest - wird episodenhaft der Alltag dieser Jugendlichen zwischen freier Liebe und Protest dargestellt.

"Aufgerissen von Metallsplittern verenden wir im Stacheldraht.
Feuerball, Granatenschock, Bajonette und zerfetzte, zuckende Körper.
Schwarze Uniformen, nackte Füße.
Auch das Versandhaus schickt Gewehre.
Weihnachten in Niggertown.
Es ist ein kleiner dreckiger Krieg.
Nehmt Euere Waffen und fangt an zu morden."

Trotz vieler Verbote und Zensur - vor allem im Ausland - war "Hair" ein riesiger Erfolg. Allein am Broadway wurde es 1750mal aufgeführt. In Israel, Schweden, Frankreich, England, Australien, Japan und Deutschland kamen eigene Produktionen auf die Bühne.

Was davon geblieben ist? Einige der Mitwirkenden wurden zu Stars, darunter Diane Keaton von der Urbesetzung sowie Meatloaf in den USA, Tim Curry in England, Julien Clerc in Frankreich und Donna Summer in Deutschland. Andere verschwanden buchstäblich im Nichts oder wurden Opfer von Drogen und AIDS, der Geißeln, die "Hair" nicht vorausgesehen hatte.

Unbestritten ist jedoch, dass "Hair" Spuren hinterlassen hat, wie David Richards im April 1993 in einem Beitrag zum 25-jährigen Jubiläum des Musicals in der New York Times feststellte:

"Das Musical hat das politische Denken und den Moralkodex im Land verändert. Allerdings hat der Broadway seitdem nie wieder ein Rockmusical so angenommen; nicht zuletzt wegen der Flut konservativen Denkens, die das Land überrollt hat. Heutzutage ist 'Flower Power der Werbespruch eines Blumenhändlers und nicht länger die Parole einer aufbegehrenden Generation."

Autor: Michael Kleff
   
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