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17.4.1979: Erste Ausgabe der "taz" erscheint
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Sie hatte keine Chance, konnte sie aber nutzen - die "taz", Deutschlands erste und einzige erfolgreiche Neugründung einer Tageszeitung seit der "Bild". Die Mitgründerin des Alternativblatts Vera Gaserow erinnert sich an die turbulenten Anfangszeiten im April 1979: "Wir haben wochenlang, monatelang immer Probenummern gemacht. Die dauerten dann oft eine Woche, bis die überhaupt zustande kamen, und dann standen wir dann am 16. April plötzlich vor dieser Situation, wir müssen jetzt eine Zeitung machen, die muss dann aber auch wirklich morgen erscheinen, und keiner wusste eigentlich so richtig, wie's geht. Und ob wir das hinkriegen würden in der Zeit. Das war der erste Probelauf, wo wir versucht haben, ein tägliches Erscheinen auf die Reihe zu bekommen. Das ist schon ein nachhaltiger Eindruck gewesen, und dass es denn geklappt hat, das war schon phantastisch. Am nächsten Tag dieses Blatt wirklich in den Händen zu haben, das war wirklich 'n supertolles Gefühl."

Holpriger Start

Das war der 17. April 1979, also gewissermaßen der Geburtstag der "taz". Auf der Titelseite das Bild eines Clowns und die berühmte Zeile von der fehlenden Chance. Es folgten elf Seiten, darunter die klassischen Ressorts Aktuelles, Innen, Außen und die "taz"-typischen als da wären: Ökologie, Betrieb und Gewerkschaft und Leserbriefe. Der Start musste mehrfach verschoben werden. Mal haperte es an organisatorischen Fragen, mal an technischen.

"taz"-Urgestein Georg Schmitz, damals für den Satz zuständig, erinnerte sich: "Und dann eben auch das Umgucken nach der Produktion von einer der ersten Nullnummern; die Produktion hat drei Tage gedauert, und wir wollten ja immer eine Tageszeitung machen; diese Diskrepanz zwischen den drei Tagen und dem von-einem-Tag-auf-den-andern-Erscheinen, das hat uns dann doch, bei einigen Leuten hat das zu großem Augenreiben und Stirnrunzeln geführt. Wir wollten ja eigentlich am 1. April anfangen, der Termin wurde dann noch mal um 14 Tage verschoben, und am 17. April war's dann soweit. Und rückgängig ging nichts mehr zu machen. Tageszeitung heißt, dass man jeden Tag, mit Ausnahmen der Wochenenden dann am Kiosk zu finden ist."

Kein Tag ohne

Ihr Quartier hatten die "taz"-Macher in der Wattstraße 11/12 in Wedding. Dabei sah es lange Zeit so aus, dass nicht Berlin, sondern Frankfurt Sitz der Zentralredaktion würde. Das Nationale Plenum der "taz"-Initiativen hatte erst auf seiner Sitzung im Dezember 1978 die Weichen für Berlin gestellt. "taz"-Geschäftsführer Kalle Ruch erinnert sich: "Als wir anfingen in Berlin, da ging dem ja ein Beschluss voraus, der wurde von diesen ganzen Gründungsinitiativen in Frankfurt gefällt, und der hieß nicht Frankfurt, was alle erwartet hätten, weil Frankfurt die Stadt der überregionalen Tageszeitung war. Nicht Frankfurt wird Standort der Zentralredaktion, sondern Berlin. Da gab's 'n Mehrheitsbeschluss, und das wurde denn auch so umgesetzt, und das lag daran, dass in Berlin diejenigen Leute waren, die 'n bisschen mehr Ahnung hatten von Finanzierung, von Unternehmensgründung, die Frage, wie druckt man eine Zeitung oder wie macht man diese ganzen (...), wie stellt man die technischen Produktionsbedingungen her. Das wurde in Berlin geplant, das war 'n Vorteil, und damit haben die Berliner auch dann die Entscheidung für sich erwirkt; dann ging's so los."

1979 war auch die Zeit Hausbesetzungen, der Proteste gegen die Atomkraft und der Beginn der Friedensbewegung. Die "taz" verstand sich anfangs als publizistischer Arm der neuen sozialen Bewegungen, der Alternativkultur. Kalle Ruch dazu: "Nicht zufällig wurden ja auch die Grünen im gleichen Zeitraum gegründet, also die "taz"damals in einem kleinen Laden in der Suarezstraße in Berlin - schräg gegenüber war der Laden der frisch gegründeten Alternativen Liste. Und dass das dann zügig aufwärts ging mit der"taz", das hat natürlich mit der damaligen Zeit zu tun. Die Bewegung, die es gab - in Berlin fing ja dann 1980 die Zeit der Hausbesetzungen an, damit ist die "taz"groß geworden; die Grünen kamen in die Parlamente, damit ist die "taz"auch groß geworden."

Selbstverständlich in der Zeitungslandschaft

Seit ihrer Gründung hat sich bei der "taz" vieles verändert. Trotz chronischer Geldknappheit, Streit und Streiks im Rudi-Dutschke-Haus gab es in den Jahren seit der Gründung tatsächlich noch keinen Wochentag ohne "taz". 1995 stellte sie als eine der ersten deutschsprachigen Zeitungen ihre Inhalte vollständig ins Internet. Inzwischen wird die Zeitung neben der bundesweit vertriebenen Printausgabe unter dem Namen "taz e-Paper" auch in digitaler Form angeboten. Die elektronische Ausgabe steht bereits am Vorabend auf taz.de zum Download zur Verfügung.

Beharrlich trotzt die Zeitung ihren finanziellen Problemen. Hauptgrund sind die fehlenden Werbeanzeigen. Die "taz" lebt vom Verkauf, von ihren Abonnenten und ihren Eigentümern. Das sind die Mitglieder der seit 1992 als Herausgeberin agierenden Genossenschaft. Nach eigenen Angaben sichern "mehr als 11.000 LeserInnen, Mitarbeitende und FreundInnen die wirtschaftliche und publizistische Unabhängigkeit 'ihrer' Zeitung".

Die "taz" ist fest in der deutschen Presselandschaft etabliert. Gründungsredakteurin Vera Gaserow: "Im Prinzip ist die "taz"heute ein Liebhaberstück, das man sich gerne leistet, und was auch wunderbar ist, sich zu leisten. Aber es ist nicht so, dass man sagt, ohne diese Zeitung habe ich keinen politischen Durchblick oder weiß mich nicht mehr zu orientieren."

Trotzdem bleibt sich die "taz" ihrem Ruf treu, indem sie respektlos, radikal und subversiv auch solche Themen aufgreift, die anderen Zeitungen heilig sind oder von ihnen nur mit der Kneifzange angefasst werden. Die Radikalität des Blattes bezieht sich nach den Worten von Bascha Mika (von 1999 bis 2009 amtierende Chefredakteurin) inzwischen "sehr viel stärker auf das, was wir journalistisch machen, also was für'n journalistischen Auftritt wir haben. Wir können uns einfach in der Hinsicht viel mehr leisten als andere, und wir wollen uns auch viel mehr leisten, als andere."

Autoren: Thomas Spang / Manfred Böhm
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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