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15.4.1925: Massenmörder Haarmann hingerichtet
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Am Tag der Urteilsvollstreckung, am 15. April 1925, soll er durchaus gefasst gewesen sein. Er hat gut gegessen, mit größtem Appetit, den Genuss von Alkohol hat er aber abgelehnt, weil er für die Hinrichtung frisch bleiben wollte.

Fritz Haarmann: Frührentner, Gauner, Polizeispitzel, Mörder. Mindestens 27 junge Männer hat der homosexuelle Triebtäter zwischen 1918 und 1924 in Hannover getötet. Seine Opfer hat er im sexuellen Blutrausch tot gebissen, hat sie, bevor er sie in den nahe gelegenen Fluss, die Leine, warf, nach allen Regeln des Schlachterhandwerks zerstückelt.

Ein realer, brutaler Schauerroman

Der Fall Haarmann war bis zur Hinrichtung des "hannoveranischen Werwolfs", wie ihn die Presse nannte, ein Schauerroman mit allem, was dazu gehörte: Sex, Tod, Perversion und Korruption. Lange schon hatte es erhebliche Verdachtsmomente gegen Haarmann gegeben.

Seine Wirtin erstattete Anzeige, weil er als ewiger Trommler und Handwerker zu hören war. Aber Haarmann war Polizeispitzel, mit dem Auftrag, sich im verruchten, von Gaunern und Prostituierten bevölkerten Bahnhofsmilieu umzuhören.

"Herr Criminal" war sein Spitzname in der Halbwelt und gegen den durfte nun einmal nichts vorliegen. Ein Privatdetektiv ermittelte sogar den Mörder, aber die Erkenntnisse verschwanden im Dickicht der Amtsstuben. Als "Herr Criminal" überredete Haarmann auch seine Opfer, mit zu ihm nach Hause zu kommen. Nur hübsch mussten sie sein und jung - die jüngsten waren gerade einmal dreizehn. Es war die Zeit von Hunger und Verzweiflung in Deutschland. Sich für ein Bett und eine warme Mahlzeit zu prostituieren war Normalität.

Ein Monster

Erst als Kinder beim Spielen Knochen fanden, Menschenknochen, säuberlich abgenagt, schritt endlich auch die Polizei ein. Pfingsten 1924 staute man die Leine auf 300 Meter. Vor Publikum, das von der Brüstung aus zusah, wurden Knöchelchen, Beinchen und Schädel herausgefischt - insgesamt 500 Leichenteile.

Die Wogen der öffentlichen Empörung über die unglaublichen Mordtaten und die hilflose Untätigkeit der Polizei schlugen hoch. Wie konnte so etwas im braven Hannover geschehen? Und vor allem: Wie konnte ein menschliches Wesen zu solchen Untaten fähig sein? Die Antwort der Zeitgenossen war: Nur ein Monster kann so etwas tun.

Ein Monster, das so gar nicht nach Monster aussah: Haarmann war ein Durchschnittstyp, etwas untersetzt, unauffälliges Gesicht. Nichts ist schrecklicher als die Gewöhnlichkeit. Und so machte man aus dem Psychopathen eine Figur der Volksmythologie, angesiedelt irgendwo zwischen Realität und Märchen.

Ohne Gewissen, ohne Reue

Haarmann selbst war da sehr viel moderner, zeigte keine Spur von Reue: Puppenjungs seien das gewesen, die Jungs, die mitkamen. In den Gesprächen mit seinem psychiatrischen Gutachter Ernst Schultze beschäftigten ihn eher die Möglichkeiten des Nachruhms: er wollte ein Denkmal.

Schon kurz nach seiner Hinrichtung gab es Bücher und Filme, der Fall des "hannoveranischen Werwolfs" wurde auch zu einem Stück Unterhaltungsgeschichte. Als Haarmann am 15. April schon auf die Fallschwertmaschine geschnallt war, rief er, sich seiner Popularität bewusst, gut gelaunt: "Auf Wiedersehen."


Autor: Ramon Garcia-Ziemsen
   
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Die Männer tun meistens das, was man erwartet, und selten das, was man erhofft.
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