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1.3.1921: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk
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Die Moldau fließt bereits im dritten Friedensjahr unterhalb des Hradschin durch Prag. Im fernen Wien hatte der Kaiser abgedankt und mit ihm die ganze K. u. K.-Monarchie, und die Tschechen genießen die Republik - die tschechische Republik! Die Anarchisten finden sich bestätigt, die Bohème diskutiert wieder in den Kaffeehäusern rund um den Wenzelsplatz, und da die Offizierswitwen nicht allein bleiben wollen, haben auch die Hundehändler Konjunktur.

Hasek und der Schwejk

Einer, der all dies in Personalunion vertritt, ist der 35-jährige Jaroslav Hasek. Und weil er auch ein Schriftsteller ist, erfindet er in jenem dritten Friedensjahr die literarische Figur Schwejk, die stark autobiografische Züge hat und aus deren Sicht er in wohl berechnender Naivität noch einmal den Weltkrieg Revue passieren lässt.

"Melde gehorsamst, Herr Oberleuntnant, ich bin der Schwejk!" Mit diesen Worten sorgt der Hundehändler Josef Schwejk ab Dienstag den 1. März 1921 in den Kneipen Prags für herzhaftes Gelächter. Sein Schöpfer hat nämlich gemeinsam mit drei Freunden eine Gesellschaft gegründet, die den Roman in Form von Fortsetzungsheften verlegt und in Gasthäusern kolportiert. Hasek pflegt das Manuskript der Druckerei nur seitenweise zu liefern. Zunächst schreibt er noch mit der Hand - nach seinem Umzug nach Lipnice diktiert er den Text am Biertisch in seinem Stammlokal.

Der Held Schwejk

Jaroslav Hasek ist fest davon überzeugt, dass die Tschechen die eigene Republik letztlich jenen serbischen Separatisten zu verdanken haben, die im Sommer 1914 in Sarajevo den österreichischen Thronfolger erschossen. Und so lässt er seinen Schwejk bei der Nachricht vom Attentat nicht etwa in die allgemeine nationale Trauer verfallen, vielmehr kommentiert der das Geschehene in unüberhörbarer Ironie: "Ah, da schau her! Im Automobil, Frau Müller! No ja, so ein Herr kann sich das erlauben und denkt gar nicht daran, wie so eine Fahrt im Automobil unglücklich ausgehen kann. Und noch dazu in Sarajewo, ja?! Das ist in Bosnien, Frau Müller! Der Herr Erzherzog ruht also schon in Gottes Schoß. Hat er sich lang geplagt?"

In seiner Lipniceer Bierlaune geht Hasek sogar soweit, den Josef Schwejk zu einem ausgewiesenen Fachmann für Attentate hoch zu stilisieren: "Und ich möcht auch wetten, Frau Müller, dass der Mann, dass sich der Mann, der das getan hat, dazu schön angezogen hat. Nämlich auf einen Herrn Erzherzog schießen, ha Sie, das ist eine schwere Arbeit. Da müssen Sie im Zylinder kommen, damit Sie nicht ein Polizist schon vorher arretiert."

Und nicht zuletzt deshalb, weil Jaroslav Hasek mittlerweile weiß, wie die Katastrophe für die Herrscherhäuser in Zentraleuropa ausging, verleiht er seinem Helden bereits 1914 geradezu prophetische Fähigkeiten: "Dasselbe Schicksal wartet noch auf viele Leute. Sie werden sehen, Frau Müller, dass auch noch der Zar und die Zarin an die Reihe kommen, dass eine Zeit kommen wird, wo die Kaiser einer nach dem anderen abdampfen werden. Und wo sie dann nicht einmal die Staatsanwaltschaft herausreißen wird."

Erfolgreiche Boulevardliteratur

Die Literaturkritik nimmt den 'Schwejk' vorerst gar nicht zur Kenntnis, gehört er doch in den verrufenen Bereich der Boulevardliteratur. Doch das stört Hasek nicht, denn seine Leser - fast ausschließlich kleine Leute und Kriegsveteranen - sind geradezu sprichwörtlich bereit, sich um die begehrten Schwejk-Hefte zu prügeln.

Was macht den Erfolg des Schwejk aus? Ist er das Abbild einer einfältigen Volksseele? Ist er purer Ausdruck des Lebenswillens von Unterdrückten und eines derben, die Wunden heilenden Lachens? Haseks hintersinniger Humor geht weit darüber hinaus. Sein Josef Schwejk verkörpert die Doppeldeutigkeit des Tragischen und des Komischen in einer Person.

Das Irrenhaus als jene Alternative, die sich der Josef Schwejk offen hält, und so übersteht er den Weltkrieg, in dem er allen und jedem gegenüber erklärt: "Melde gehorsamst, jawoll, ich bin so blöd, Herr Oberleutnant!"

Bedeutende Weltliteratur

An der welthistorischen Bedeutung seines Helden hat Hasek nie gezweifelt. Schon kurz nach dessen Erscheinen pries er den Schwejk auf einem Werbeplakat als "eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur". Erlebt aber hat er es nicht mehr. Ohne seinen berühmten Roman zu Ende diktiert zu haben, starb Jaroslav Hasek am 3. Januar 1923. Schon kurz danach beginnt der Siegeszug des Josef Schwejk um die Welt.


Autor: Gerhard Haase
   
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