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28.2.1933: Bertolt Brecht geht ins Exil
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Als der Schriftsteller Bertolt Brecht am Morgen des 28. Februar 1933 Deutschland verließ, war das keine Zeitungsmeldung. Zum einen hatte er seine Flucht nicht an die große Glocke gehängt, und zum anderen waren die Schlagzeilen dieses Tages von einem anderen Ereignis bestimmt.

Tags zuvor war das Berliner Reichstagsgebäude in Brand gesetzt worden. Der Öffentlichkeit wurde schnell ein Täter präsentiert und die politischen Linke für das Attentat verantwortlich gemacht. Die Nationalsozialisten nutzten die Gelegenheit, Gewerkschafter, Sozialisten und Kommunisten in großer Zahl zu verhaften und in improvisierten Konzentrationslagern zu inhaftieren.

Düstere Vorahnungen

Wie hellsichtig Brecht die nahende Katastrophe vorhersah, zeigt sich in seinem "Lied vom SA-Mann" (1931). Hier beschreibt er, wie die Depression der späten 1920er-Jahre, die Straßenkämpfe und die dauernden Regierungskrisen in die Barbarei des "Dritten Reiches" führt: "Als mir der Magen knurrte, schlief ich vor Hunger ein. Da hörte ich sie ins Ohr mir 'Deutschland, erwache!' schrei'n. Da sah ich viele marschieren, sie sagten: Ins Dritte Reich! Ich hatte nichts zu verlieren, ich lief mit, wohin war mir gleich."

1933 war es dann tatsächlich passiert, Adolf Hitler wurde Reichskanzler. Spätestens der gespenstische Fackelzug durch das Brandenburger Tor, mit dem dem neuen Machthaber gehuldigt wurde, machte klar, dass Brechts düstere Vorahnungen bald Realität werden sollten.

Exodus der Intellektuellen

Es dauerte nicht lange, bis der Exodus der deutschen Intellektuellen begann. Nicht alle wollten allerdings oder konnten rechtzeitig fliehen; wie der Nobelpreisträger Carl von Ossietzky, der ins Konzentrationslager kam und an den Folgen der Folter starb. Andere zogen sich weitgehend aus dem öffentlichen Leben zurück und überlebten die nationalsozialistische Diktatur, wie etwa Erich Kästner.

Doch mehr sind jene ins öffentliche Bewusstsein gerückt, die noch fliehen konnten: Der Wissenschaftler Einstein, die Schriftsteller Feuchtwanger, Mann und Remarque, die Musiker Kleiber, Busch, Walter, Klemperer und noch viele andere.

Brecht gehörte zu den ersten, die das Land verließen. Da er wusste, was ihn erwartete, wenn er bleiben würde, flüchtete Brecht beim ersten Anzeichen, dass die Nationalsozialisten ihre Drohungen in die Tat umsetzen würden.

"Legende vom toten Soldaten"

In dem Gedicht "Legende vom toten Soldaten" (1918) hat Brecht den Grund für seine Flucht so formuliert: "Als ich ins Exil gejagt wurde, stand in den Zeitungen des Nastreichers, das sei, weil ich in einem Gedicht den Soldaten des Weltkrieges verhöhnt hätte. Jetzt, wo sie einen neuen Weltkrieg vorbereiten, entschlossen, die Untaten des letzten noch zu übertreffen, brachten sie Leute wie mich zu Zeiten um, oder verjagten sie, als Verräter ihrer Anschläge."

In diesem Gedicht beschreibt Brecht, was einem gefallenen Soldaten widerfährt: Da es dem Kaiserreich an Soldaten mangelt, beschließt man, den Leichnam wieder auszugraben, zu verkleiden und zu dekorieren und ihn von einer Ärztekommission einsatzfähig schreiben zu lassen. Unter dem Beifall von Klerus und Hochfinanz wird dann der tote Soldat zum nächsten Heldentod ins Feld zurückgeschickt. Hanns Eisler hat das Gedicht vertont.

Weitsicht

Doch nicht nur der Künstler Brecht war den Nationalsozialisten verhasst, auch sein Pazifismus und die Tatsache, dass er Kommunist war, ließen ihn völlig zu Recht das Schlimmste befürchten. In seiner "Ballade vom Baum und den Ästen" hat er bereits 1931 beschrieben, wie sich die braunen Horden benähmen, wenn sie könnten, wie sie wollten - "Das Lied vom SA-Mann": "Sie schießen ihre Pistolen in jeden besseren Kopf! Und sie kommen mindestens zu zweit, und dann gehen sie ihre drei Mark abholen, aus ihrem goldenen Topf."

Bei soviel Weitsicht war es nur logisch, dass Brecht ins Ausland floh, sobald er vom Brand des Reichstagsgebäudes erfuhr. Noch bevor die erste große Verhaftungswelle des neuen Regimes in Deutschland einsetzte, verließ Bertolt Brecht das Land am Morgen des 28. Februar 1933.



Autor: Dirk Kaufmann
   
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