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29.11.1971: ALDI-Chef entführt
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Die schmucklose Hauptverwaltung der Supermarktkette Albrecht in Herten, Kreis Recklinghausen. Die Zeit: gegen 19.00 Uhr. Theo Albrecht war der letzte, der das Bürogebäude verließ. Als der Multimillionär sein Auto besteigen wollte, wurde er von zwei Männern überwältigt und weggefahren.

Wenige Stunden später, kurz nach Mitternacht, klingelte in Essen bei Familie Albrecht das Telefon. Ehefrau Cilly, die sich um ihren Mann sorgte, bekam mitgeteilt: "Wir haben ihren Mann entführt. Keine Polizei, keine Presse. Sie hören von uns."

Einschalten der Polizei

Erst zwei Tage nach der Entführung wurde die Essener Staatsanwaltschaft und die Polizei von der eingeschüchterten Familie Albrecht informiert. Im Essener Polizeipräsidium wurde eine 70 Mann starke Ermittlungskommission ins Leben gerufen. Was die Beamten einte: keiner hatte Erfahrung mit Entführungsfällen, noch nie hatte es einen vergleichbaren Fall in Deutschland gegeben. Auch die Lösegeldsumme war horrend, die Kidnapper forderten umgerechnet 3,5 Millionen Euro.

In zähen Verhandlungen konnte sich Familie Albrecht mit den Entführern über einen Modus der Übergabe einigen. Die Polizei hielt sich auf Weisung der Familie Albrecht im Hintergrund. Die Verhandlungen mit den Entführern führte Karl Albrecht, der Bruder des Entführten.

Die Polizei hörte zwar die Gespräche mit und fahndete weiter, aber: Am Tag der Übergabe waren ihr die Hände gebunden. Die Familie Albrecht ging ein auf die Forderung der Entführer, die Polizei bei der Übergabe auszuschließen. Sie fürchtete um das Leben von Theo Albrecht.

Ruhrbischof Hengstbach fungierte als Vermittler und übergab den Entführern das Geld und im Austausch kam Theo Albrecht frei. Der Medien- und Öffentlichkeitsscheue Theo Albrecht trat kurz darauf zum ersten und letzten Mal vor die Presse, er sagte: "Also, ich bin gesund. Ich bin natürlich sehr, sehr müde. Es hat mich ziemlich strapaziert."

Leichtes Spiel für die Polizei

Der von der Polizei als einmalig apostrophierter Fall sollte sich schnell auflösen, denn die Kidnapper entpuppten sich glücklicherweise als Dilettanten.

Die aufgezeichneten Stimmen der Entführer wurden übers Radio verbreitet. Bei der Essener Kripo meldete sich darauf hin ein Elektrohändler, der glaubte, Paul Kron erkannt zu haben. Dieser hatte erst am Vortag mit zwei 500 D-Markscheinen seine Schulden im Laden beglichen. Die Scheine stammten aus dem Lösegeld. Kron war wegen mehrerer Einbrüche vorbestraft und in einschlägigen Kreisen bekannt unter dem Namen Diamanten-Paul. Noch am gleichen Tag wird verhaftet.

Kurzer Prozess

Als sein Komplize entpuppte sich sein ehemaliger Rechtsanwalt Heinz-Joachim Ollenburg. Der partyfreudige und stets verschuldete Ollenburg hatte Kron immer wieder vor Gericht vertreten. Der Düsseldorfer Anwalt mit gefälschtem Abitur war mittlerweile nach Mexiko geflohen. Doch die mexikanische Polizei griff ihn auf und schob ihn nach Deutschland ab.

Keinen Monat später, im Januar 1972, wurde mit Kron und Ollenburg kurzer Prozess gemacht. Die Staatsanwaltschaft forderte zwölf Jahre, Kron und Ollenburg wurden jedoch zu je achteinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Auch für Theo Albrecht eine bittere Stunde.

Außerdem bekam er nur einen Teil seines Geldes zurück, denn Kron behauptete, mit Ausnahme weniger Scheine nichts von dem Lösegeld gesehen zu haben. Ollenburg hingegen bestand darauf, halbe-halbe gemacht zu haben. Freiwillig gab er eine Hälfte zurück. Die anderen 1,7 Millionen sind bis heute nicht aufgetaucht.

Autor: Oliver Ramme
   
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