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27.9.1940: Befehl zur Kinder-Landverschickung
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Es war im Spätsommer 1940 als Bomben auf deutsche Städte fielen. Viele Familien verbrachten ihre Nächte in Luftschutzkellern. Am 27. September befahl Adolf Hitler die größte Evakuierungsmaßnahme des Zweiten Weltkrieges: die Erweiterte Kinderlandverschickung. Jungen und Mädchen aus bombengefährdeten Städten sollten aufs Land ziehen. Ein damals zehnjähriger Zeitzeuge, der ins polnische Graudenz geschickt wurde, erinnerte sich später: "Unsere Schule wurde praktisch komplett evakuiert, da wurde gar nicht lange gefragt. Natürlich konnten die Eltern sagen: 'Nein, mein Kind nicht', aber meine Mutter hat 'Ja' gesagt."

Die Teilnahme war kostenlos. Fast drei Millionen Jungen und Mädchen wurden bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Lagern oder bei Gastfamilien untergebracht. Einige Kinder durften sogar ihre Mütter mitnehmen. Der Zehnjährige fuhr allein in ein Lager. Er empfand seine Reise zunächst wie ein großes Abenteuer, Heimweh hatte er kaum: "Abends, wir waren in großen Schlafsälen, wurden immer Geschichten erzählt, natürlich vom Heldentum und von tollen SS-Männern. Damit waren wir verhältnismäßig abgelenkt. Die schlimme Zeit war nur, wenn abends das Licht gelöscht wurde, da hat man schon gedacht: Verdammt, warum ist Mutter nicht hier?"

Die Nationalsozialisten nutzten die Lager, um die Kinder in ihrem Sinne zu erziehen. Und praktischerweise konnten viele Mütter nun in der Kriegsindustrie arbeiten. Verantwortlich für die Verschickung der Kinder war Reichsleiter Baldur von Schirach, der nach dem Besuch eines Lagers die Eltern im Rundfunk über die Verpflegung ihrer Kinder unterrichtete: "Das Vollkornbrot hat wieder seinen Einzug gehalten. Fleisch wird reichlich gereicht. Ja selbst auch Süßigkeiten hatte man, wie ich mich überzeugt habe, nicht vergessen. Der Gesundheitszustand aller Kinder ist im Durchschnitt ausgezeichnet und erfüllt uns mit großer Befriedigung."

Trotz solcher Beschwichtigungen behielten viele Eltern ihre Kinder bei sich in den Großstädten, einige Eltern holten ihre Kinder sogar zurück. Sehr zum Missfallen von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels: "Der feindliche Luftterror ist unberechenbar. Und die Eltern, die sich aus Kurzsichtigkeit dazu verleiten lassen, ihre Kinder aus den Umquartierungsgauen zurückzuholen, in der Meinung, es werde schon nicht so schlimm werden, da es ja bis heute gut gegangen sei, übernehmen damit eine sehr schwere Verantwortung."

Auch der Zehnjährige kam während des Krieges noch einmal nach Hause. Bei seiner zweiten Verschickung durfte ihn seine Mutter zunächst begleiten. Doch im Juli 1944 wurde er von ihr getrennt. Die schulische Ausbildung in den Lagern wurde immer schlechter, weil gute Lehrer fehlten. Die Zeiten romantischer Lageraufenthalte waren vorbei. Statt Mathe und Deutsch lernte er alles für den letzten Kampf: "Da kamen sie dann gleich mit ihrem Volkssturm. Das war natürlich eine große Ehre, dass wir die Volkssturmbinde kriegten. Und wir wurden richtig militärisch gedrillt. War schon eine harte Nuss. Ich war ein Hänfling damals, und ich bin damals einfach auch oft umgefallen beim Barrikadenbauen oder bei irgendwelchen Übungen, wenn sie uns über nasse Äcker gehetzt haben."

Sein Lager wurde nach Wörth an die Donau verlegt. Mit einem Holzknüppel sollte er gegen die Amerikaner kämpfen. Als der Krieg vorbei war, wurde sein Kinderlager aufgelöst und der inzwischen Fünfzehnjährige als Erntehelfer in Bayern verpflichtet: "Irgendwann im September hat es mir dann gereicht. Und ich wusste nicht, leben meine Eltern noch oder nicht. Es gab ja auch noch keine Bahnverbindung wieder. Und ich habe zwei Hühner geklaut bei den Bauern. Habe die Hühner gegen was zu Essen eingetauscht. Ich habe mich dann einfach auf irgendwelche Güterzüge gesetzt, mich draußen angebunden mit einem Gürtel oder einer Strippe, und man hat dann abgewartet, wo fährt der Zug hin und wann fährt er los."

Nach drei Wochen erreichte er Berlin. Das Haus seiner Eltern war stark zerstört, aber Mutter und Vater lebten.

Autor: Ralf Geißler
   
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