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11.9.1973: Militärputsch in Chile
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Radio Corporaciòn: "Flugzeuge der chilenischen Luftwaffe haben das Gebäude von Radio Corporación angegriffen. Das bedeutet, dass in allen Fabriken mit Kämpfen gerechnet werden muss. Das bedeutet, dass alle Gewerkschaften sich mit den Industriegürteln in Verbindung setzen müssen und umgekehrt diese mit der Zentrale der Einheitsgewerkschaft CUT, um sich auf das vorzubereiten, was unweigerlich kommt. Wichtig ist in diesem Moment, Kameraden, es komme, was da kommen mag, dass das ganze Volk sich einig ist! Jede Fabrik, jedes Latifundium, jedes Armenviertel muss sich in eine Festung des Volkes verwandeln. Aber wir müssen die Ruhe bewahren, denn nur so können wir auf das, was kommt, vorbereitet sein. Wir müssen bei alledem einen kühlen Kopf und ein heißes Herz bewahren."

Was der Sprecher des gewerkschaftseigenen Rundfunksenders Radio Corporación am späten Vormittag des 11. September 1973 mit bewegter Stimme den Chilenen verkündete, war zum großen Teil durch die Ereignisse bereits überholt. Der gesamte Industriegürtel in Santiago war von schwer bewaffnetem Militär umstellt. Und wie hätten die Arbeiter auch kämpfen sollen?

Es war Präsident Salvador Allende persönlich gewesen, der die Forderungen der extremen Linken nach Bewaffnung der Arbeiter strikt abgelehnt hatte. Er, der erste demokratisch gewählte Marxist als Staats- und Regierungschef eines westlichen Landes, glaubte all zu sehr und all zu lange an die Haltbarkeit demokratischer Werte und Traditionen.

War er nicht sogar mit den Stimmen der Christdemokraten in sein hohes Amt gekommen? Hatte er nicht persönlich dafür gesorgt, dass General Augusto Pinochet zum Heereschef und damit zum Oberbefehlshaber der größten Waffengattung gemacht worden war?

Doch derselbe Pinochet sollte zum Anführer des Militärputsches vom 11. September werden, der die Weltöffentlichkeit nicht nur durch seine brutale Wucht überraschte. Galt Chile nicht als Musterbeispiel stabiler demokratischer Verhältnisse, in die sich auch die Militärs einfügten? Hatte nicht Allende selbst bis zuletzt an die Loyalität seiner Offiziere geglaubt?

Nur wenige Wochen vor dem Militärputsch hatte er nicht ohne Stolz das von seiner Regierung geprägte Chile so beschrieben:

Allende: "Ein Land, in dem das öffentliche Leben durch zivile Institutionen organisiert wird, das sich auf Streitkräfte stützt, die einen hohen professionellen Ausbildungsstand haben und von tiefer demokratischer Gesinnung durchdrungen sind, ein Land von knapp zehn Millionen Einwohnern, das innerhalb einer einzigen Generation zwei Literaturnobelpreisträger hervor gebracht hat, Gabriela Mistral und Pablo Neruda, beide Kinder von einfachen Arbeitern."

Der deutsche Literaturnobelpreisträger von 1972, Heinrich Böll, urteilte wenige Tage nach den Ereignissen vom 11. September in Chile in einer Radio-Sendung des WDR:

"Wer ist da durch diesen Putsch von was befreit worden? Die mühsamen, kaum noch schamhaft vorgebrachten Erklärungen eines Teils der Weltpresse, die den Putsch in Chile als eine Art notwendiger Präventivillegalität rechtfertigen, die persönlichen und politischen Verdächtigungen Salvador Allendes, die düsteren Prognosen über eine bevorstehende Wirtschaftskatastrophe in Chile - nichts wird die Tatsache aus der Welt schaffen, dass in Chile die Legalität gebrochen wurde, dass Terror, Tortur, Fremdenfeindlichkeit herrschen und Bücherverbrennung zur Tugend erhoben wird. Henker sorgen dort für Ruhe und Ordnung."

Die scheinbar so demokratisch gesinnten chilenischen Militärs betätigten sich in der Tat als Henker. Politisch gewollt und logistisch unterstützt wurde Pinochets Putsch gegen Allende von der US-Regierung, die damals vom später schimpflich aus dem Amt gejagten Richard Nixon geführt wurde.

Der Militärputsch vom 11. September 1973 war nur der blutige Endpunkt einer US-Außenpolitik gegenüber dem Sozialisten Allende, die schon wenige Tage nach seinem Amtsantritt dafür sorgte, dass die USA ihre Kupferreserven auf den Weltmarkt warfen, so dass der Preis für Chiles Exportartikel Nr. Eins schnell und drastisch fiel. Dadurch wurden die von Allende angestrebten sozialen Reformen bald nicht mehr finanzierbar.

Nur eine einzige Reform konnte er wirklich durchsetzen: Der gelernte Kinderarzt Allende hatte dafür gesorgt, dass jedes chilenische Kind bis zum achten Lebensjahr täglich kostenlos einen halben Liter Milch bekam.

Autor: Norbert Ahrens
   
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